Vergessen

Vergessen

Kennt Ihr die Redewendung: „Das / den kannst du vergessen? In der heutigen Predigt geht es um das Vergessen – im gesunden Sinne…

 

Predigttext: Philipper 3,12-18

„Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist…“ (3,13). Das schreibt Saulus, der zum Paulus wird. Bis vor kurzem hat er Christus und seine Anhänger verfolgt. Er hat er zugesehen und befürwortet, wie Stephanus gesteinigt wurde. Und nun verfolgt er nur noch ein Ziel: Jesus Christus nachzufolgen! Sicherlich hat er sein „Damaskuserlebnis“, bei dem ihm Jesus Christus sehr eindrücklich erschien, nicht vergessen können. Für ihn begann ein neues Leben. Das alte Leben … Vergangenheit?  „Neues ist geworden“, so bezeugt es Paulus aus eigener Erfahrung (2. Korinther 5,17). 

 

Nun hat jeder seine eigene Geschichte. Und keine gleicht der anderen. Doch eins betrifft uns alle gleichermaßen: Wir befinden uns auf dem Weg – unserem Lebensweg. Natürlich gehen wir auf diesem Weg nach vorn. Doch es liegt eben auch eine Wegstrecke hinter uns. Wir sind geworden, was wir sind. Auch unser Glaube ist geprägt worden. Vieles mag uns bewusst sein. Ereignisse, an die wir gerne zurückdenken. Erlebnisse mit Gott. Man sagt, dass die Erinnerung in goldenen Farben malt…! Es gibt aber auch Tage, die möchte man am liebsten aus dem Gedächtnis streichen. Ich denke im Blick auf Paulus an die Zeit, bevor ihm der Auferstandene die Augen öffnete. Als er noch von einem religiösen Fanatismus getrieben, alles daran setzte, die immer zahlreicher werdenden Anhänger des christlichen Glaubens auszurotten. So etwas kann man doch nicht vergessen, oder?! Vergeben – vielleicht. Aber vergessen?!

 

Es gibt Dinge, die brennen sich in unsere Köpfe und Herzen richtig ein. Und – von Zeit zu Zeit wird man immer wieder einmal daran erinnert… Was heißt also: „Ich will alles vergessen, was hinter mir liegt.“ – wie es im Philipperbrief steht?

 

Vergessen heißt nicht verdrängen! 

Nun ist es ja so, dass die menschliche Psyche über einen Verdrängungsmechanismus verfügt. Wir alle kennen diesen Mechanismus. Manchmal setzen wir ihn bewusst ein. Vieles geschieht aber auch unbewusst. Was uns nicht gefällt, wird unter die Bewusstseinsoberfläche verdrängt. Man möchte nicht mehr darüber reden, nicht daran erinnert werden, nicht länger darüber nachdenken, weil das alles nur noch schlimmer macht – das denken wir zumindest, und eigentlich wird alles nur noch schlimmer. 

 

Wir können versuchen zu verdrängen, was hinter uns liegt. Doch es wird uns immer wieder einholen – vielleicht nach vielen Jahren! Es gibt Dinge, die wir unter Verschluss halten. Vor gewissen Bereichen in unserem Innersten hängt vielleicht schon seit Langem solch ein Vorhängeschloss. 

 

Mit so einem Vorhängeschloss kann man ganz gut leben. Andere bekommen das meist gar nicht zu sehen. Du kannst damit im Laufe des Lebens vielleicht sogar den einen oder anderen Siegespreis gewinnen. Doch das kostet natürlich viel mehr Kraft, als wenn man befreit loslaufen könnte. Was aber unterscheidet den Wunsch zu vergessen, von der Absicht zu verdrängen? Das ist ja die entscheidende Frage. Ich habe in Bezug auf diese Frage eine interessante Entdeckung gemacht. Die Wurzel des hebräischen Wortes (Schakach) mit der Bedeutung „vergessen“ kommt auch im Aramäischen vor. Dort aber hat dasselbe Wort die Bedeutung „finden“ … im Sinne von „etwas durch Nachforschen ausfindig machen“. Erst dachte ich: „Wie passt das zusammen: ‚vergessen‘ und ‚ausfindig machen‘?“ Eigentlich sind das ja grundverschiedene Bedeutungen desselben Wortes in zwei eng miteinander verwandten Sprachen. Und dann kam mir folgender Gedanke: „Solange ich nicht herausfinde, was hinter mir liegt und mich daran hindert, unbeschwert und fröhlich nach vorn zu gehen, werde ich nicht vergessen können. Erst in dem Moment, wo ich ausfindig mache und mir bewusst wird, was mich von der Vergangenheit her belastet, kann ich getrost vergessen … ohne zu verdrängen.“

 

Solange du das Gefühl hast, dass du auf deinem Lebensweg nicht weiterkommst, wirst du nicht umhinkommen, nach Ursachen zu forschen, die dich daran hindern. Das kann mühsam sein. Vielleicht auch schmerzhaft. Aber nur indem ich herausfinde, was hinter mir liegt, kann ich vergessen, was hinter mir liegt. Im Bild gesprochen: Solange du den Schlüssel zu diesem Vorhängeschloss suchst, um es endlich zu öffnen, wird dich der Gedanke an den Schlüssel nicht loslassen. Der Gedanke an den Schlüssel lässt dir keine Ruhe, bis du ihn findest. Erst indem du den Schlüssel zu den verschlossenen oder verdrängten Bereichen deiner Vergangenheit ausfindig machst, kannst du das Schloss öffnen, und die quälende Suche nach dem Schlüssel ist vergessen. Endlich kannst du befreit loslaufen! 

 

Vergessen und vergeben gehören zusammen! 

Im Glauben an Jesus Christus haben wir verinnerlicht, dass Vergebung grundsätzlich immer möglich ist. Selbst wenn man niemals vergessen kann, was geschehen ist, können wir durch die Kraft des Heiligen Geistes vergeben. Die Voraussetzung dafür ist das Bewusstsein, wer an dir schuldig geworden ist! Oder dein Gewissen belastet dich selbst vielleicht… Ich kenne Christen, die sich selbst nicht vergeben können. 

 

Paulus sagt ja, dass wir uns an ihm ein Beispiel nehmen sollen. Das ist schon vorbildlich, wie er mit seiner Schuld umgeht. Er hat das, was er getan hat, niemals beschönigt oder verharmlost. Paulus hat seine Vergangenheit nicht verdrängt. Er hat offen darüber gesprochen. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass er vergessen konnte, was er den Christen in Jerusalem angetan hatte. Ich weiß nicht, ob es euch aufgefallen ist: Beim Schreiben des Philipperbriefes kommen Paulus plötzlich die Tränen. Es berührt ihn emotional, was Jesus Christus am Kreuz für ihn getan hat. Und es macht ihn zutiefst traurig, wenn sich da einige Christen nennen, aber sie im Grunde – so wörtlich – „Feinde des Kreuzes Jesu Christi“ sind. Seine Wahrnehmung ist die, dass das, was Jesus am Kreuz für uns erlitten hat, für viele gar nicht relevant ist. Sie kennen das Evangelium. Sie wissen alles. Aber in ihrem Leben ist überhaupt keine Veränderung zu erkennen. Es fehlt an der Bereitschaft, alles auf ́s Spiel zu setzen. Paulus gebraucht in diesem Zusammenhang ja Bilder aus der Welt des Sports. Um sportlich erfolgreich zu sein, brauchst du vor allem eine starke innere Motivation. Die Botschaft vom Kreuz ist für Paulus die entscheidende Motivation, das alte Leben hinter sich zu lassen. Und ich bin davon überzeugt, dass die Erfahrung der Vergebung der Schlüssel ist. 

 

Paulus wusste, was Vergebung heißt, und darum hatte er nur noch ein Ziel. Er wollte verwandelt werden – bis hin zur Vollkommenheit. Er hatte dabei immer auch die Herrlichkeit bei Gott vor Augen. Doch das Ziel der Vollkommenheit hat ihn Zeit seines Lebens schon motiviert.

 

Es gibt in diesem Abschnitt hier im Philipperbrief einen Satz, der uns ganz stark herausfordert. Ich meine Vers 15: „Wir alle, die wir vollkommen sind, wollen uns so verhalten“ – so wie Paulus es anmahnt. Wen meint Paulus denn hier? Wir können jawohl nicht gemeint sein. Denn wir sind doch nicht vollkommen, oder?! Wer verhält sich schon so, dass man sagen würde, der ist ja vollkommen. Niemand. Aber darum geht ́s auch gar nicht. Niemand ist vollkommen. Aber wir alle sollten dieses Ziel vor Augen haben – auch wenn wir es nicht erreichen, solange wir hier auf Erden leben. Wir brauchen diese Motivation, um nicht abzuschlaffen. Paulus bringt es ja in Vers 12 gleich zu Beginn wunderbar auf den Punkt: „Mir ist klar, dass ich noch nicht am Ziel bin. Doch ich setze alles daran, das Ziel zu erreichen“. Luther hat es am prägnantesten übersetzt: „Nicht, dass ich es schon ergriffen habe, oder vollkommen sei. Ich jage diesem Ziel aber nach, um es zu ergreifen, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin“. 

   

Diese Worte kann ich eins zu eins auf mich beziehen – auch wenn ich eine andere Christuserfahrung gemacht habe. Doch auch ich bin von dem, was Christus in meinem Leben getan hat, ergriffen.

 

Ich möchte Euch einige Fragen stellen, die jeder für sich persönlich beantworten kann:

– Gibt es etwas, was du am liebsten vergessen möchtest, aber nicht vergessen kannst?

– Ist dir bewusst, was hinter dir liegt?

– Kannst du denen vergeben, die an dir schuldig geworden sind?

– Kannst du dir selbst vergeben?

– Bist du von Jesus Christus ergriffen?

– Wo befindest du dich auf dem Weg zum Ziel?

– Bist du mit deinem Leben zufrieden … damit, wie du deinen Glauben lebst?

 

Wenn du dich mit diesen Fragen beschäftigst, kann dich das nur weiterbringen. Sie auszublenden, würde bedeuten, dass alles so bleibt, wie es ist. Doch Jesus Christus ist für uns am Kreuz gestorben, damit wir versöhnt mit unserer Vergangenheit leben und uns ausstrecken können – nach dem, was vor uns liegt. Er ist unsere Zukunft, mit dem wir unsere Gegenwart gestalten dürfen. AMEN

Jana Schumacher

Ich bin Jana Schumacher und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; und ich liebe das Mehr, das Jesus Christus mir mehr und mehr ins Herz gibt: Himmel im Herzen!