Still-gehalten

Still-gehalten

„Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen.“ (Psalm 37,5)

Hanna stand mit beiden Beinen fest im Leben. Ihre drei Söhne waren bereits aus dem Haus, sodass sie – neben ihrer Arbeit als Arzthelferin – in anderen Tätigkeiten aufging. Sie engagierte sich ehrenamtlich in ihrer Kirche, indem sie nicht nur im Chor mitsang. Nein, sie leitete obendrein die sonntäglichen Kindergottesdienste und die Krabbelgruppe für die Kleinsten. Ihr Leben war erfüllt, ausgefüllt.

Doch – dann kam der Ausbruch von Corona und damit der Umbruch, der Einbruch, der Aufbruch in die Isolation. In der Kirche wurden die Veranstaltungen für die Kids abgesagt. Und der Chor traf sich vorerst auch nicht mehr, sodass Hanna viel mehr Zeit zur Verfügung stand.

„Das ist schon merkwürdig!“, gestand mir meine Freundin am Telefon. „Ich habe so viel Ruhe, mit der ich gar nichts anzufangen weiß…“

„Kannst du sie denn gar nicht genießen?“, fragte ich zurück. „Du könntest wieder einmal ein Buch lesen, Musik hören, einen Spaziergang machen – dich selbst verwöhnen…“

„Ich bin – ehrlich gesagt – froh, dass ich meiner Arbeit noch nachgehen kann. Dort werde ich gebraucht. Denn sonst fragt kaum einer nach mir… Ich fühle mich so leer und langweile mich. Oft denke ich darüber nach, worin der Sinn meines Lebens eigentlich besteht und was ich wirklich wert bin!“

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Hannas Gedankengänge erinnerten mich an die Zeit, als ich auf der Bibelschule in Berlin Wannsee war. Ich erzählte meiner Freundin nun, dass wir dort in regelmäßigen Abständen die so genannten „Stillen Tage“ erlebten: Nach dem Frühstück bekamen wir von einem Lehrer einen Bibeltext, ein Gedicht oder ein Zitat mit auf dem Weg. Und mit jenen Impulsen durften wir unseren Tag gestalten, wie wir wollten. Die einzige Bedingung war, dass wir still waren – bis wir uns am Abend wieder trafen, um unsere Erfahrungen gemeinsam auszuwerten.

Ich vertraute Hanna an, dass mich die Ruhe am Anfang auch völlig unruhig machte. Ständig dachte ich: Ich muss etwas tun … mich beschäftigen … mich ablenken.“ Und dann machte ich auch etwas – ich räumte auf. Erst einmal brachte ich mein Zimmer in Ordnung. Ich packte weg, was liegengeblieben war; ich wischte Staub und sammelte vom Fußboden alle Fussel und Krümel auf, bis alles picobello aussah. Da ich dabei nicht einmal Musik hören konnte, merkte ich gar nicht, wie ich innerlich schon am Reinemachen war. Ich sortierte meine Gedanken und ließ längst den Anstoß auf mich wirken, den wir von unserem Lehrer mitbekommen hatten. Und so kehrte langsam in mir Stille, Ruhe ein, sodass ich – im doppelten Sinne – „aufhören“ konnte. 

Ich erklärte Hanna, dass gerade die „Stillen Tage“ für mich lauter neue Erfahrungen mit Gott brachten. Es waren Tage, an denen ich seinen Trost spürte; es waren Tage, an denen er meinen Blickwinkel ändern konnte; es waren Tage, an denen er mich in eine andere Richtung führte; es waren Tage, an denen er mich spüren ließ, wie sehr er mich liebte, auch ohne etwas tun zu müssen…

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Hanna begann, die Zwangspause durch Corona als eine Chance zu sehen, um ihr Leben neu zu ordnen. Wie ich später erfuhr, sorgte sie für einen Frühjahrsputz in ihrer Wohnung und in ihrer Seele. Denn irgendwann rief sie mich an, um mir zu erzählen, dass sie – Zug um Zug – zur Ruhe gekommen war und mit ihrem Gott bahnbrechende Erfahrungen gemacht hatte, die die Weichen für neue Wege stellten. 

Jana Schumacher

Ich bin Jana Schumacher und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; und ich liebe das Mehr, das Jesus Christus mir mehr und mehr ins Herz gibt: Himmel im Herzen!