Mut-Entbrannt 

Mut-Entbrannt

Mut-Entbrannt

Es war im zweiten sogenannten „Lockdown“ der Corona-Pandemie. Vielleicht sollte auch ich eher „Flockdown“ sagen, wie er sarkastisch oder scherzhaft bezeichnet wurde. Genauer gesagt: Als ich am Morgen des 16. Februar 2021 auf den Beinen beziehungsweise auf den Rädern war, fuhr ich zu unserem Wohnzimmerfenster und beäugte argwöhnisch die vielen Schneeflocken, die vom Himmel fielen. Und – ich war dabei keineswegs  mut-entbrannt.

 

Ehrlich gesagt: Die ersten beiden Monate im neuen Jahr waren mir schon immer suspekt. Es lag mir stets schwer auf dem Herzen, dass die Natur ihre vielschichtige Farbenpracht auf das eintönige Grau reduzierte. Und nun war auch noch das Weiß dazugekommen … Für meinen Geschmack gab es diesmal viel zu viel davon, denn der Schnee begrenzte mich – zusätzlich zu meinem Rollstuhl – in meiner Möglichkeit, mich im Freien bewegen zu können. Außerdem mochten meine Knochen und Muskeln die Kälte nicht. Mehr als sonst trübten sowohl Krämpfe und Schmerzen mein eigentlich recht sonniges Gemüt. Wie bereits erwähnt: Ich war in keiner Weise mut-entbrannt … jedenfalls noch nicht! 

 

Die Schneeflocken tanzten weiter fröhlich vom Himmel auf die Erde. Leise legten sie sich auf den Bäumen und Sträuchern im Vorgarten, auf den parkenden Autos und auf den Straßen nieder, um sich auszuruhen und die Welt in eine Winterlandschaft zu verwandeln. 

 

Als ich am späten Vormittag noch einmal bedächtig nach draußen sah, fiel mir etwas ganz Anmutiges ins Auge: Auf einem unserer Balkonkästen, der nun von einem kleinen Schneeberg bedeckt war, hatten sich zwei kleine Pflänzchen an das Licht gekämpft und kündigten mit ihrem Grün der Hoffnung neues Leben an. „Wie mut-entbrannt die beiden doch sind!“, staunte es tief in mir. „Das sind Hoffnungsträger!“

 

Bei diesem Anblick kam mir sogleich der Zuspruch Gottes in den Sinn: „Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ Zum ersten Mal wurde mir daraufhin so richtig bewusst, dass dieses Versprechen so ziemlich genau zentral in der Bibel stand – nämlich in Jesaja 43,18-19. Und so erkannte ich, was Gott mir in jener Situation sagen wollte: „In der Mitte des Winters, inmitten von Krisen, in der Mitte des Lebens und damit auch in deinem Zentrum – im Herzen – kann ich neues schaffen. Ich bin der Schöpfer, der auch am Anfang alles aus dem Nichts hervorgebracht hat. Und ich bleibe der Schöpfer, der am Ende des Zeitalters eine neue Welt aus dem Nichts erschaffen wird. Darum: Sei offen und sieh genau hin, was ich jetzt tun werde!“

 

Das Eis, welches sich auf mein Herz gelegt hatte, begann zu schmelzen. Meine Seele taute langsam auf. Und so begann ich, hoffnungsvoll nach vorn und auch zurückzuschauen. „Was hatte Gott in meinem Leben nicht schon alles getan, was mich mut-entbrannt werden ließ!“, überlegte ich. 

 

Mir fielen wieder eine Menge Geschichten ein, von denen ich euch im Folgenden erzählen möchte – Geschichten, die nicht die Überschrift tragen: wutentbrannt, sondern mutentbrannt!

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Wie in einer Schneekugel

Wie in einer Schneekugel

Kennst du Schneekugeln? Das sind die kleinen und größeren runden Glas- oder Kunststoffbälle, in denen in der Regel eine Landschaft, ein Schneemann oder ein Schiff hineingesetzt wurden. Und wenn man das Ding ordentlich schüttelt, wirbelt das Wasser – zusammen mit dem Kunstschnee – alles durcheinander. Gerade für unsere Kinder ist das immer wieder ein Schauspiel, wenn sie beobachten können, wie in einer Schneekugel der Inhalt idyllisch eingeschneit wird.

 

Dieses Bild fällt mir ein, wenn ich an den kleinen Virus denke, der uns allen nunmehr genau seit einem Jahr große Schwierigkeiten bereitet, der unsere ganze Welt auf den Kopf stellt und alles durcheinanderbringt. Nichts ist mehr, wie es vorher war.

Anstatt die Nähe zu Menschen zu suchen, müssen wir Abstand halten. Wir sind angehalten und aufgefordert, FFP2-Masken zu tragen. Kindergärten und Schulen bleiben teilweise oder ganz geschlossen; auf einmal gibt es das Homeschooling. Viele von uns müssen von zu Hause arbeiten und nebenbei die Familie versorgen. Andere bangen um ihre Existenzen, weil sie ihre Geschäfte und Betriebe vorübergehend schließen müssen. Es herrschen mehr Isolation, Einsamkeit, Hilflosigkeit, Trauer und Überforderung als jemals zuvor. Tja, das Leben kommt mir derzeit vor wie eine Schneekugel, in die wir eingeschlossen sind. Und nun wirbeln die weißen Flocken auch noch um uns herum und nehmen uns die klare Sicht und manchmal auch die Luft zum Atmen.

 

Was mich betrifft: Ich sitze auch wie in einer Schneekugel. Denn laut der Nachricht des Gesundheitsamtes habe ich mich am 15. Februar mit Covid-19 infiziert. Anfangs bin ich davon ausgegangen, dass mich nur eine Erkältung, eine Grippe mit Schnupfen und Husten quält. Aber als ich dann meinen Geruchs- und Geschmackssinn verloren habe, bin ich positiv getestet worden. Seitdem durchleide ich – mit mittelschwerer Atemnot, mit Kopf- und Gliederschmerzen, mit Schlappheit – die Quarantäne, die  Isolation. Es ist wie in einer Schneekugel, die gerade kräftig geschüttelt wird, sodass ich irgendwie nur noch das Tohuwabohu in meiner kleinen Welt betrachten kann. 

 

Meine Hoffnung und mein Gebet sind jedoch, dass ich bald genese. Dann bin ich sogar – für ein paar Monate – immunisiert, wodurch ich nicht mehr unter dieser Glasglocke sitzen muss und ein wenig mehr Freiheit als bisher genießen darf. Jedenfalls glaube ich daran, dass Jesus Christus Stürme stillen kann – sogar den Sturm im Wasserglas meiner Schneekugel!

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Geschafft!

Geschafft!

Geschafft! Wir haben es geschafft; meine Freunde und ich waren stärker als die Corona-Viren. Nach fast drei Wochen Quarantäne dürfen wir wieder das Haus verlassen und unter das Volk gehen. Wir sind so froh und dankbar! Denn jetzt ist nur noch unser Lachen ansteckend!

Allerdings sind wir auch noch sehr geschafft. Aus eigenem Erleben kann ich jetzt sagen, dass Corona noch viel mehr Begleiterscheinungen mit sich bringt als eine Grippe – auch nach der Isolation. Aber wir haben, ich habe das Schlimmste geschafft!

 

~ ~ ~

 

Sich wochenlang nur in den eigenen Wänden aufhalten zu können, war schon eine Herausforderung – für mich. Denn eigentlich liebe ich meine Freiheiten. Aber nun hatte Gott mich angehalten. Ich durfte – im doppelten Sinne – für eine gewisse Zeit „aufhören“. Zum einen konnte ich aufhören, etwas für meine Mitmenschen zu tun. Und zum anderen durfte ich aufhören … lauschen auf das, was Gott – das Leben – mir zu sagen hatte. Deshalb wollte ich gern innehalten. Gott schenkte mir – durch die zusätzliche Erkrankung – quasi die nötige Ruhe, um mich wieder einmal ganz intensiv bei mir selbst aufzuhalten. Denn eins hatte ich im Laufe der Zeit begriffen: Wenn ich mich nicht liebe, kann ich auch keinen Mitmenschen lieben; wenn ich mich selbst verliere, verliere ich den anderen.

Demzufolge wollte ich meine Gedanken und Gefühle aushalten, die mich in diesen dunklen Tagen bewegten: die Angst, an Corona eventuell sterben zu können … die Scham, dass ich überhaupt betroffen war … die Ohnmacht, nichts tun zu können, um den Krankheitsverlauf zu verbessern … die Enttäuschung, dass ich mich infiziert hatte, obwohl ich stets vorsichtig war. Ich wollte diese Emotionen ganz bewusst nicht zurückhalten. Denn wenn ich sie zuließ, ließ ich sie letztendlich los. Und so kam es auch – zumal es allmählich gesundheitlich bei mir wieder aufwärts ging. 

 

Irgendwann fühlte ich, dass Gott noch mehr auf dieser Erde für mich bereithalten wollte. Wie erleichtert ich doch war! Aber da ich mich von meiner Außenwelt immer noch fernhalten musste, überlegte ich mir stillschweigend, wie ich mich künftig verhalten wollte. Denn eins war mir innerhalb meines Krankheitsprozesses sehr deutlich geworden: „Das Leben mit Corona“ zeigte nur, wie wir „das Leben ohne Corona“ bislang oft gestaltet hatten. Schon bevor der kleine Virus unsere große Welt auf den Kopf stellte, trugen wir immer wieder einmal Masken – natürlich unsichtbar. Der eine hat seine unangenehmen Gefühle zurückgehalten, wenn man ihn fragte: „Wie geht es dir?“ Und der andere hat permanent seine Meinung für sich behalten. Der eine wollte mehr darstellen, als er in Wirklichkeit war. Und der andere versuchte in seinem Bereich durchzuhalten, obwohl ihm längst die Kraft dazu fehlte.

 

Überdies suchten wir Menschen schon immer den Abstand, wenn wir die Art oder die Ansicht unseres Gegenübers nicht teilten. Anstatt sich miteinander auseinanderzusetzen, setzten sich viele lieber auseinander und saßen dann notgedrungen zwischen den Stühlen. „Das Leben nach Corona“ bietet uns die einmalige Chance, wieder zusammenzurücken, uns ungeschminkt und ohne Masken zu begegnen und nicht weiterhin nach dem Motto zu handeln: „höher … schneller … weiter“, sondern uns ganz allmählich auf „tiefer … langsamer … näher“ einzustellen. 

 

Es kommt immer darauf an, welche Einstellung, welche Haltung wir einnehmen wollen. Ich – für meinen Teil – möchte jetzt schon mehr und mehr versuchen, mein Verhalten zu überdenken und meine Verhältnisse zu ändern, weil Gott mein ganzer Halt ist. Er ist die Liebe in Person, und er wünscht sich nichts sehnlicher von mir, als dass ich die Liebe, die er mir schenkt, an andere Menschen weitergebe. 

 

Aus lauter Liebe und Dankbarkeit, weil ich mit Gottes Hilfe schon so vieles geschafft habe, möchte ich diejenigen unter uns gern weiterhin ganz ehrlich und hautnah ermutigen – auf die Art und Weise, mit der ich das am besten kann: mit Worten, die zu Taten werden! 

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Das Fest der Sinne

Das Fest der Sinne

Ich entsinne mich noch gut: Es war eigentlich gar nicht in meinem Sinn, dass ich – durch meine Corona-Erkrankung und die notwendige Quarantäne – wochenlang das Bett und das Haus hüten musste. Wie sehr sehnte ich mich danach, wieder fit zu sein und ins Freie zu dürfen! Natürlich wünschte ich mir  – in meinem stillen Kämmerlein – das Fest der Sinne in der Natur wieder herbei. Dabei halfen mir jeden Morgen die kleinen, treuen Vögelchen auf den Bäumen vor meinem Schlafzimmer. Schon im Dunkeln kündigte mir ihr Gezwitscher an, dass der Tag kommen würde…

 

Am 6. März 2021 war es dann soweit: Das Gesundheitsamt gab grünes Licht, dass ich wieder ins Grüne durfte. Sofort machte ich mich auf… Es war ein herrlicher Wintertag. Der Schnee war längst weggetaut. Es war kalt. Dennoch roch es nicht nur nach Frühling, sondern die ersten Boten kündigten auch an, dass Neues wuchs: Krokusse, Winterlinge oder auch Schneeglöckchen. Meine Augen konnten sich an ihrem Liebreiz gar nicht sattsehen. Dann schaute ich auf zum Himmel, der mit seinem intensiven Blau all meine Sinne durchdrang. Die Wolken kamen mir wie sanfte, schneeweiße Wattebällchen vor. Und die Sonne strahlte mich so freundlich an, als ob sie sich zu freuen schien, mich nach langer Zeit endlich wiederzusehen. Alles war so hell, so wunderschön, so lebendig; es war das Fest der Sinne.

Mittags kam uns in den Sinn, uns etwas aus unserem Lieblingsrestaurant zu  bestellen. Was war das doch für eine Gaumenfreude, wieder etwas riechen und schmecken zu können. Das Essen und die erste Tasse Kaffee nach der Krankheit zergingen uns förmlich auf der Zunge. Die Geschmacksknospen blühten – nach dem Winterschlaf – regelrecht auf. Beim Nachtisch fragte ich mich leise: „Kann das Leben nicht immer so sinnlich schön sein?“

 

Später konnte ich mich darauf besinnen, dass meine fünf Sinne nur so geschärft wurden, weil ich wochenlang krank war … nicht aus dem Haus konnte … keinen Appetit hatte … nicht mehr am Leben teilnehmen konnte und – als Risikopatientin – bereits ein Jahr lang Angst davor hatte, mich mit Covid-19 zu infizieren. „Wahrscheinlich braucht es hin und wieder diesen Kontrast!“, wurde mir wieder deutlich. 

  • Wenn ich niemals krank wäre, wüsste ich die Gesundheit gar nicht zu schätzen. 
  • Wenn ich mich niemals von Menschen verabschieden müsste, würde ich mich auch keineswegs auf das Wiedersehen freuen.
  • Wenn ich nur in der Sonne säße, hätte ich niemals die Chance, über meinen eigenen Schatten zu springen.
  • Wenn ich niemals Tränen vergießen müsste, könnte ich das Lachen nicht genießen. 
  • Wenn ich keinen Zerbruch erleben würde, gäbe es keine Möglichkeit für einen Neubeginn. 

Wie oft entsteht auch in mir der Wunsch, ein sorgenfreies, ein unbeschwertes, ein einfaches Leben zu führen. Aber das kann ich mir aus dem Sinn schlagen, weil ich nun einmal hier auf Erden und noch nicht im Himmel bin. 

 

Die Kunst, das Fest der Sinne trotzdem zu feiern, besteht allerdings darin, inmitten von Krankheit, Krisen und Konflikten „einen Riecher“ für das Schöne zu bekommen. Ich kann lernen, „die Augen offenzuhalten“ oder „die Ohren zu spitzen“ – für das, was das Leben dennoch „schmackhaft“ macht. Für mich werden die vermeintlich kleinen Dinge eine große, eine großartige Sache: ein Blumenstrauß, eine Nougatpraline, ein gutes Buch, eine Massage, meine Lieblingslieder oder nicht zuletzt ein von Sinn erfülltes Gespräch mit Freunden, das kostbar und ermutigend ist… Ich möchte mich daran jedenfalls mehr und mehr „herantasten“, damit ich – in diesem Sinne – auch „die Freude im Leide“ entdecke!

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Das Leben ist kein Spaziergang

Das Leben ist kein Spaziergang

„Das Leben ist kein Spaziergang!“ Würdest du mit dieser Aussage mitgehen? Einen Spaziergang, bei dem wir ganz bedächtig durch einen Wald oder am Meer die Natur genießen … Atem holen … Zeit haben … Kraft schöpfen, machen wir ja normalerweise nicht alle Tage. Wir kommen meistens nur an den Wochenenden, an Frei-Tagen oder nach Feierabend dazu. Es ist eher gang und gäbe, dass wir am Rennen sind. Denn wir müssen die Wohnung, den Garten oder die Firma am Laufen halten. Wir gehen darin auf, uns für die Kinder, für die Eltern, für Freunde, für den Verein oder die Kirchgemeinde einzusetzen… In dieser postmodernen Zeit wollen viele von uns mit der Mode, mit der neusten Technik, mit den Leistungen und Erfolgen anderer Menschen Schritt halten. Und – natürlich möchten etliche unter uns in den Social Media ständig auf dem Laufenden sein. 

 

Demgegenüber müssen wir jetzt – in den Monaten von Corona – aber auch immer wieder die Füße stillhalten. Eine Menge geht derzeit einfach nicht: Familienangehörige besuchen … große Feiern ausrichten und unbeschwert viele Freunde treffen … in den Urlaub fahren und ferne Länder erkunden. Viele Abläufe, die wir sonst für selbstverständlich gehalten haben, sind gestoppt. Wir treten – mehr oder weniger – auf der Stelle, sodass vieles, was uns sonst Freude bereitet hat, ganz schön auf der Strecke bleibt… 

Das Leben ist kein Spaziergang – ganz wahrhaftig nicht! Aber unser Leben ist eine Reise. Von unserem ersten Schritt bis zu unserem letzten Gang sind wir auf dem Weg. Wir durchwandern den Kindergarten, die Schule, eine Ausbildung; wir ziehen aus, um den Partner und Freunde für das Leben zu finden. Manch einer unter uns steigt die Karriereleiter herauf. Er macht dabei auch riesige Fortschritte, aber oft genug verliert er sich irgendwann selbst. 

 

Auf der Reise durch unser Leben durchlaufen wir Phasen, die uns ohne besondere Vorkommnisse voranbringen. Wir begegnen – auf Schritt und Tritt – nur lieben Menschen, die unsere Wege ebnen. Alles läuft wie am Schnürchen. Der Mut ist unser Wegbegleiter; die Zuversicht geht uns voran; uns folgt das Glück auf dem Fuße. Keine Kurve bremst uns aus; es geht schnurstracks geradeaus. Aber dann gibt es auch Zeiten, die uns noch lange nachgehen. Wir lernen Durststrecken kennen; nur selten finden wir etwas zu trinken. Wir verirren uns in Sackgassen und müssen umkehren. Wenn uns Steine auf den Weg gelegt werden, gelingt es uns nicht, aus ihnen etwas Prächtiges zu bauen. Wir stolpern; wir stürzen und schürfen uns dabei die Knie auf. Uns fehlt fast die Motivation, wieder aufzustehen und die Zielgerade in den Blick zu nehmen. Doch nach einer Erholungspause gehen wir – meistens – gescheiter weiter…

 

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„Das Leben ist kein Spaziergang!“ Für mich persönlich ist es auch höchstens nur eine Spazierfahrt. Denn seit über 35 Jahren sitze ich im Rollstuhl. „Rolle vorwärts!“, lautet also schon eine ganze Weile mein Motto, obwohl Stufen, Treppen, Kopfsteinpflaster oder Bordsteinkanten Hindernisse für mich darstellen und obwohl ich viele Einschränkungen in meinem Rucksack mit mir trage. Eine lange Meile litt ich unter dem, was mir wiederkehrend widerfährt. Aber Schritt für Schritt habe ich erfahren, dass ich genau so aktiv sein kann wie jeder Mensch, der den Lebensweg auf seinen zwei Beinen beschreitet. Denn wirkliche Beweglichkeit beginnt im Kopf! Wenn ich nicht die Freiheit habe, meine Umstände zu ändern, bleibt mir doch die Freiheit, meine Einstellung zu den Umständen zu ändern. Und so bin ich gern auf meinen vier Rädern unterwegs… Manchmal lande ich natürlich auch auf dem Holzweg, auf dem ich „den Brettern“ jedoch eine neue Bedeutung für meine Welt geben kann… Mein Leben ist ohne Zweifel eine Berg- und Talfahrt, auf der ich mich befinde. Aber – es ist auch der Heimweg, der mich ans Ziel führt. Dort kann ich mich einst von Schlaglöchern, „schiefen Ebenen“ oder „abgefahrenen Situationen oder Begegnungen“ auf ewig verabschieden – und das bewegt mich heute schon so sehr, dass ich in Bewegung bleiben möchte… 

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Der Sonnenschein

Der Sonnenschein

Der Pastor aus der Baptistengemeinde, in der ich fast 30 Jahre ein Mitglied war, nannte mich ganz oft: „Sonnenscheinmädchen“ – nicht nur, weil ich früher gern gelbe Oberteile trug, sondern auch, weil ich irgendwie ständig mit einem Lächeln auf den Lippen unterwegs war. Und unabhängig davon war und bin ich bis heute für meine besten Freundinnen „der Sonnenschein“. Manche sagen auch ganz einfach „Sonne“ zu mir…

 

Demnach strahle ich scheinbar etwas Lebendiges, etwas Helles, etwas Warmherziges aus. So ganz genau weiß ich bis heute nicht, was meine Umwelt in mir wahrnimmt, denn ich sehe mich ja schließlich von innen! Meine Schattenseiten kenne ich wohl besser als jeder andere Mensch. Und deshalb habe ich auch die Situationen aus meinem Leben vor Augen, in denen „der Sonnenschein“ in mir ganz allmählich seine Strahlkraft verlor.

 

Wer von euch meine Biografie „Nicht auf den Kopf gefallen, oder?!“ gelesen hat, weiß, dass ich innerhalb von acht Jahren sechs meiner Familienangehörigen verloren habe. Dadurch fiel ich unsanft aus allen Wolken. Als ein Verwandter auf dem Sterbebett dann noch andeutete, warum ich körperlich behindert bin, fing es in meinem Herzen kräftig zu regnen an.

Lange beobachtete ich von innen die Regentropfen, die manchmal sacht und manchmal heftig an die Scheibe meiner Seele klopften. Aber ich machte mir nicht bewusst, was sie zum Ausdruck bringen wollten. Ich strahlte stattdessen nach außen … heiter … weiter. Öffentlich versuchte ich, Menschen – nach wie vor – Mut zuzusprechen und zeigte dabei ein lachendes Gesicht… 

 

Weitere Misserfolge ließen nicht auf sich warten: Absagen von Verlagen auf eingereichte Manuskripte, enttäuschende Begegnungen mit Menschen, Diskriminierungen und auch Übervorteilungen… In meinem Herzen gesellte sich zum Regen auch noch der Wind hinzu – Gegenwind von außen und aus den eigenen Reihen…

 

Als dann vor einem halben Jahr noch ein persönlicher Schicksalsschlag hinzukam, verwandelte sich der Regen in mir in einen ungemütlichen Schneesturm, der mein Herz einfrieren ließ. Es wusste allmählich nicht mehr, wofür es überhaupt noch schlug… Aber ich hörte seine leise, flehende Stimme, die mir deutlich machte: „Ich möchte wieder Feuer fangen, brennen…“

 

Insofern suchte ich mir Hilfe. Der Sinncoach und Songpoet Andi Weiss war von Anfang an mit seiner warmherzigen und einfühlsamen Art wie eine Sonne für mich, der mein Herz nach und nach vom Eis befreite. So ganz allmählich taute es wieder auf… Und heute bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich künftig nur noch „der Sonnenschein“ für Menschen sein möchte. Mein Sein hat doch noch so viele andere Facetten. Vielleicht ist es auch gut, ab und an zum Regen zu werden, der das Land und andere Herzen befeuchtet. Auch der Wind ist wichtig, weil er Staub aufwirbelt; er kann sich zum Aufwind, zum Rückenwind für die Umwelt entwickeln. Ja, und selbst der Schnee wärmt den Boden und lässt die Natur zur Ruhe kommen, damit sie neue Kraft schöpfen kann, um nach dem Winterschlaf das Frühlingserwachen zu ermöglichen… 

 

Wie dem auch sei: Ich bin so froh und dankbar, dass ich mit Andi Weiss jede Wetterlage meines Herzens beleuchten durfte. Und genau deshalb ist mir sonnenklar geworden: Durch die Wolkendecke bahnt er sich immer wieder einen Weg: „der Sonnenschein“! 

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Mehr als die Summe deines Nichtkönnens

Mehr als die Summe deines Nichtkönnens

„Du bist mehr als die Summe deines Nichtkönnens!“ Ist diese Aussage für  dich eine Milchmädchenrechnung oder etwas Wunderbares, auf das du zählst?

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Es liegt nun tatsächlich schon 25 Jahre zurück, dass ich auf die Bibelschule ging – mit der Zusage im Gepäck, dass ich mit Gottes Hilfe und Wohlwollen stets rechnen konnte. Und so machte ich mich auf den Weg – voller Vorfreude … voller Wissensdurst, mehr über die Bibel zu erfahren … voller Hunger nach Leben. 

 

Damals ging ich davon aus, dass die fremden Kursteilnehmer – acht an der Zahl – dazu gern bereit waren, mir im Alltag die Unterstützung zu geben, auf die ich so dringend angewiesen war. Aber ich hätte von Vornherein damit rechnen müssen, dass alle ihre Vorgeschichte mitbrachten, dass alle auf irgendeine Art hilfsbedürftig waren und dass alle sowohl Möglichkeiten als auch Grenzen hatten.

Wir lernten damals das Einmaleins des Glaubens „mit allen vier Grundrechenarten“. Jesus Christus selbst war unser Plus zum Leben, das unser Minus auffüllte. Und durch ihn lernten wir auch, dass wir jedes Mal reicher wurden, wenn wir zum Teilen bereit waren. Doch – oft genug gelang uns die Umsetzung nicht richtig, was ich hautnah zu spüren bekam. Denn häufig stand ich ganz allein da; nicht selten wurde ich vergessen… Es gab so viele Situationen, in denen ich mich hängengelassen fühlte. 

 

Einen Nachmittag werde ich wohl niemals wieder vergessen. Ich war es so leid, ständig hilfsbedürftig zu sein; ich sehnte mich danach, in meinem Denken und Leben nicht mehr gebunden zu sein. Demzufolge fuhr ich in meinem Rollstuhl zum Kleinen Wannsee. Während ich traurig am Bootssteg über die Situation nachdachte, kamen plötzlich meine Gefühle in Fluss; ich musste weinen. Und je mehr Tränen über mein Gesicht liefen, desto befreiter fühlte ich mich. Irgendwann war meine Seele so ruhig wie der vor mir liegende See. Und so vernahm ich mit einem Mal die Worte: „Du bist mehr als die Summe deines Nichtkönnens!“ Zuerst schaute ich mich verwirrt um, ob ein Mensch mir das zugesprochen hatte. Aber da war niemand, sodass ich wusste, dass diese Wahrheit in mir lebte und dass sie sich gerade Gehör verschafft hatte. 

 

„Ich bin mehr als die Summe meines Nichtkönnens!“ Diesen Gedanken ließ ich ganz tief in mein Herz sickern. Ich verinnerlichte ihn förmlich, sodass ich mich fortan auf mein Potential konzentrierte. Und – irgendwie veränderte das etwas – an meinem Verhalten mir selbst gegenüber und dem Verhältnis zu meinem Umfeld. 

 

In einer stillen Stunde erzählte ich den Bibelschullehrern und meinen Mitbewohnern von meinem Erleben. Wir kamen ganz offen und ehrlich miteinander ins Gespräch, wobei wir alle nicht nur über unser Unvermögen nachdachten, sondern auch über die Möglichkeiten, die sich uns boten. Das schweißte uns schließlich richtig zusammen, sodass wir uns fortan mehr förderten – und herausforderten. Am Ende kamen wir auf den gemeinsamen Nenner: Jede und jeder von uns ist mehr als die Summe des Nichtkönnens!

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Gesund geliebt

Gesund geliebt

Ich hatte einmal einen Vogel — einen kleinen Wellensittich. Vor ungefähr 25 Jahren wurde er ganz verängstigt, total abgemagert und krank bei mir zu Hause eingeflogen. Damals hätte ich mir noch nicht vorstellen können, dass ich so viel Freude mit ihm haben würde, nachdem ich ihn gesund geliebt hatte! 

 

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Peppi — wie ich ihn nannte — war erst drei Monate alt. Aber er ließ schon mächtig seine Flügel hängen. Bis dahin saß er mit zwei Artgenossen zusammen in einem Käfig, die unermüdlich auf ihm herumhackten und futterneidisch waren. Als seinem Besitzer auffiel, dass er tierisch litt, flog er bei den anderen wieder heraus. Er landete in einem kleinen Bauer, der in einem abgelegenen Raum stand. Damit war die Angelegenheit offensichtlich abgeschlossen. Fast eine Woche wurde Peppi nämlich vergessen, sodass weder sein Fressen noch sein Trinken erneuert wurde. Auch fand er keine Nestwärme. Kein Wunder, dass er eine Menge Federn ließ. 

 

Als ich den Besitzer, der übrigens ein guter, ein gutherziger Freund von mir war, wieder einmal besuchte, entdeckte ich den Kummer in der Kammer. Ich bekam Mitleid mit dem armen Tier und bot an, das Vögelchen von nun an unter meine Fittiche zu nehmen. „Kannst du gern machen, aber dieser Wellensittich wird nicht mehr zahm. Das solltest du wissen. Nur wenn man sich in den ersten Lebenswochen viel mit ihm beschäftigt, wird er zutraulich!“, meinte der Experte.

Irgendwie wollte ich das nicht hinnehmen. Peppi sollte gesund geliebt werden! Also kaufte ich ihm erst einmal einen größeren Käfig; ich besorgte Spielzeug für ihn; er bekam Aufbaufutter. Doch anfangs traute er mir in keiner Weise über den Weg. Wenn ich ihm — trotz guten Zuredens — mit irgendwelchen Leckerbissen die Hand reichen wollte, zeigte er mir die Krallen oder schimpfte wie ein kleiner Rohrspatz mit mir. Von Fortschritt konnte leider nur die Rede sein, weil Peppi immer fortschritt, wenn ich ihm entgegenkam.

 

Trotzdem gab ich nicht auf. Im Gegenteil: Ich nahm mir ganz viel Zeit für Peppi. Jeden Tag sang ich: „Kommt ein Vogel geflogen …“ Ich redete ihm gut zu oder las ihm aus der Zeitung vor. Mit Grünfutter versuchte ich, ihn weiterhin anzulocken. Und – siehe da, nach einem guten Vierteljahr flog er förmlich auf mich ab.

 

Seitdem erzählte Peppi mir eine Menge aus seinem Leben — gerade wie ihm der Schnabel gewachsen war. Aus voller Kehle zwitscherte er mit, wenn das Radio spielte. Er lief auf Tischen und Schränken herum, (wobei er deutliche Spuren hinterließ). Desgleichen kaute er mir förmlich das Ohr ab, während er auf meiner Schulter saß. Und — Petersilie oder Vogelmiere fraß er mir problemlos aus der Hand. Durch ein bisschen Herz und Hirn hatte ich ihn einfach nur gesund geliebt, sodass der kleine Spaßvogel noch neun schöne Lebensjahre genoss! 

 

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Ich frage mich: Wem kann ich mich heute zuwenden, weil er meine Zuwendung braucht? Es gibt ja so viele komische, kranke oder einsame Vögel, die Federn gelassen haben. Und damit meine ich nicht nur die Lebewesen in der Tierwelt. Gerade in dieser Krise sind viele Menschen einsam; sie fühlen sich eingesperrt wie in einem Käfig. Andere haben Artgenossen, die ständig auf ihnen herumhacken. Und wiederum hungert doch jede und jeder von uns nach Liebe, nach Leben, nach Licht …

 

In den seltensten Fällen kommt mir die flügellahme Person ins Haus geflattert; ich darf mich aufmachen, Ausschau nach ihr halten und ihr entgegengehen. Vielleicht werde ich nicht gleich mit offenen Armen empfangen. Manche Menschen brauchen einen Vorschuss an Vertrauen, bis sie mir trauen. Aber eins steht fest: Wenn ich ein wenig Zeit, ein wenig Herz und Hirn in sie investiere, werden sie — in den meisten Fällen — nicht nur gesund geliebt, sondern sie beschenken mich auch überreich. 

 

Sodann bin ich jetzt bereit — für den Abflug, für den Ausflug …