Liebevolle Beweggründe

Liebevolle Beweggründe

„Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet.“ (2. Korinther 8,9)

Das kleine Virus hielt die Welt in Atem. Und auch ich musste bei all den Schreckensnachrichten, die ich im Radio oder Fernseher verfolgte, oft die Luft anhalten. Gott sei Dank konnte ich jedoch durchatmen, wenn ich in „meinem“ Park eine Spazierfahrt machte.

Bei aller Schwarzmalerei empfand ich die Natur wie einen einzigartigen, farbenfrohen Pinselstrich Gottes. Die Blumenpracht kam mir in diesem Frühling noch schöner vor als sonst. Das Blau des Himmels erschien mir viel intensiver als jemals zuvor. Und das Grün der Wiesen erzählte von der Hoffnung, dass der Herr der Schöpfung „Freude im allem Leide“ für uns bereithielt. Manchmal wunderte ich mich nur darüber, dass in diesem Park kaum eine Menschenseele Luft schnappte…

Nur wenn ich gegen 13:30 Uhr unterwegs war, sah ich eine alte Dame an einem Rollator ihres Weges gehen. Genau genommen schlich sie jedes Mal dieselbe Strecke voran… Dabei hatte sie offensichtlich große Mühe und wahrscheinlich auch Schmerzen beim Laufen. Ganz langsam und bedächtig kam sie nur vorwärts. Und nach ungefähr fünf Minuten musste sie eine längere Pause einlegen, wobei sie am Wegesrand auf dem Sitz des Rollators Platz nahm, um sich auszuruhen. Da es – für die Jahreszeit – schon sehr warm war, hatte sie stets eine Wasserflasche dabei, aus der sie ein paar Schlucke trank und diese dann neben ihr Gefährt stellte, bis sie sich wieder erhob und Schritt für Schritt weiterlief…

Je öfter ich diese Frau im Park erblickte, desto mehr interessierte mich, woher sie kam, wohin sie ging und was ihre „Beweggründe“ für ihre beschwerliche Reise waren. Aber da ich von Natur aus sehr schüchtern und zurückhaltend bin, traute ich mich nicht, sie daraufhin anzusprechen – bis meine Neugierde schließlich doch größer wurde… Und so erfuhr ich eines Tages auf einem „Rastplatz“ von der aufgeschlossenen Dame, dass sie bereits 83 Jahre alt und über ein halbes Jahrhundert mit ihrem Fritz verheiratet war, der – durch einen Schlaganfall – seit einer geraumen Zeit im Pflegeheim hier im Stadtteil Rostocks medizinisch versorgt werden musste. „Vor Corona gab es keinen Tag in unserer Ehe, an dem wir uns nicht gesprochen haben!“, sagte sie mit zittriger Stimme. „Und nun weiß ich nicht einmal, wann ich meinen geliebten Mann wiedersehe, ob ich ihn überhaupt…“ Durch die Angst, dass sie sich beide mit dem aggressiven Virus infizieren konnten, fehlten ihr plötzlich die Worte. 

Nachdem sie sich ein wenig gefangen hatte, erzählte sie weiter: „Jeden Tag gehe ich nun zum Heim, wo ich nicht hineingelassen werde – wegen den Auflagen… Aber ich sehe meinen Mann wenigstens am Fenster. Das macht uns glücklich – in dieser ungewissen Zeit.“ Wieder legte die Dame beim Sprechen eine kurze Pause ein. Ihre Augen hatten sich inzwischen mit Tränen gefüllt. Außerdem rang sie nach Luft. Indem sie auf das Körbchen an dem Rollator hinwies, vertraute sie mir weiter an: „Ich habe einen Topfkuchen dabei – selbstgemacht. Den isst mein Fritz am liebsten… Ich hoffe, ich kann ihn heute bei einer Schwester für ihn abgeben! Wissen Sie, meistens ergibt sich nicht die Gelegenheit – dann nehme ich ihn wieder mit. Aber der hier ist ganz frisch… Es wäre so schön, wenn ich ihm heute eine Freude damit machen könnte und wenn ich ihn auch sehen dürfte, damit ich weiß, dass es ihm gut geht!“

Allmählich hatte die Frau kein Sitzfleisch mehr. Ganz langsam erhob sie sich von ihrem Sitz, um ihr Ziel zu verfolgen. Und so verabschiedeten wir uns, indem wir uns alles Liebe und auch weiterhin Gesundheit wünschten. Heimlich, still und leise schickte ich ein Gebet zum Himmel, dass Gott dieses Ehepaar behüten möge und dass die Frau ihren Fritz bald wieder in die Arme schließen konnte…

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Ich war innerlich berührt von der Liebe dieser alten Dame zu ihrem Mann. „Wie viel sie doch auf sich nahm, um ihm täglich eine Freude zu machen…“, staunte ich. Und dann fragte ich mich, welche Wege ich beschritt, um meinen Liebsten – den Höchsten – mit meinem Leben zum Lächeln zu bringen? Verlangte es mich, seine Nähe zu suchen – gerade auch in diesen schweren, unbequemen Zeiten? 

Auf meinem Spaziergang dachte ich lange darüber nach, was Jesus Christus  alles für mich getan hatte …wer er für mich war … wie er die Gemeinschaft mit mir suchte … wie er mich fand … wie er mein Retter, mein Erlöser, mein Freund geworden war. Seine grenzenlose Liebe hatte mein Herz wieder einmal tief bewegt, sodass ich bereit war, mit Herz und Händen weiterhin für ihn beweglich zu werden…

Jana Schumacher

Ich bin Jana Schumacher und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; und ich liebe das Mehr, das Jesus Christus mir mehr und mehr ins Herz gibt: Himmel im Herzen!