Lahm, aber nicht gelähmt

Lahm, aber nicht gelähmt

Überlegt mal:

  • Welche Person ist in der Bibel körperbehindert, weil sie als Kind fallengelassen wurde – ähnlich     wie ich?
  • Welche Person wurde in der Bibel überreich gesegnet, weil sie in späteren Jahren zum König eingeladen wurde, obwohl sie trotzdem gelähmt bleibt – ähnlich wie ich?
  • Und … welche Person spielt in der Bibel eigentlich nur eine Nebenrolle und ist ziemlich unbekannt – wie ich für Euch?

Es handelt sich um Mefi-Boschet – den Enkel von König Saul. Sein Vater hieß Jonathan. Als Mefi-Boschet fünf Jahre alt ist, sterben sein Vater und Opa gleichzeitig bei einem Kampf. 

Damals ist es Sitte, dass der neue König, die Familie des vorigen Königs tötet, damit sie keine Machtansprüche mehr stellen kann. David – der neue König – aber ist anders und will diese Tradition brechen. David und Jonathan sind außerdem beste Freunde gewesen. Und David hat ihm bei Lebzeiten einmal versprochen, dass er sich um seine Nachkommen kümmert, wenn ihm mal etwas zustößt. 

Die Familie von Mefi-Boschet weiß das aber nicht. Und so flieht sie, doch dabei passiert ein Unglück… Auf der Flucht lässt die Amme den Jungen aus Versehen fallen, sodass er an beiden Füßen gelähmt ist und bleibt. Ein fallengelassener Königssohn kriecht von nun an durchs Leben.

   Bibeltext: 2. Samuel 9,1-10 

„Und David sprach: Ist noch jemand übrig geblieben von dem Hause Sauls, damit ich Barmherzigkeit an ihm tue um Jonatans willen? Der Knecht Ziba sprach zum König: Es ist noch ein Sohn Jonatans da, lahm an den Füßen. Der König sprach zu ihm: Wo ist er? Ziba sprach zum König: Siehe, er ist in Lo-Dabar im Hause Machirs, des Sohnes Ammiëls. David ließ ihn holen und sprach: Mefi-Boschet! Fürchte dich nicht, denn ich will Barmherzigkeit an dir tun um deines Vaters Jonatan willen und will dir den ganzen Besitz deines Vaters Saul zurückgeben; du aber sollst täglich an meinem Tisch essen. Er aber fiel nieder und sprach: Wer bin ich, dein Knecht, dass du dich wendest zu einem toten Hunde, wie ich es bin? Da rief der König den Ziba, den Knecht Sauls, und sprach zu ihm: Alles, was Saul gehört hat und seinem ganzen Hause, hab ich dem Sohn deines Herrn gegeben. So bearbeite ihm nun seinen Acker, du und deine Söhne und deine Knechte, und bring die Ernte ein, damit es das Brot sei des Sohnes deines Herrn und er sich davon nähre; aber Mefi-Boschet, der Sohn deines Herrn, soll täglich an meinem Tisch essen.“

Stellt euch mal vor: Mit vier Jahren kann Mefi-Boschet noch laufen, auf Bäume klettern oder Fußball spielen. Er hat seine ganze Familie um sich, in der er glücklich ist, geliebt wird und sich geborgen fühlt. Aber ein Jahr später ist alles vorbei. Wahrscheinlich sitzt er nun traurig in der Ecke und muss zusehen, wie die anderen Kinder miteinander toben und lachen. Er lebt in Lo-Dabar. Dieser Name hat in der Bibel – wie jeder Name – eine Bedeutung. Er heißt übersetzt: „Ohne Worte“ oder „Nichts“ oder „Ort der Dunkelheit“. Vielleicht fehlen den Menschen hier die Worte wegen des Schicksals von Mefi-Boschet, sodass sie nicht mit ihm reden. Vielleicht hat es auch ihm die Sprache verschlagen, weil er so unsagbar leidet. Vielleicht hat er „nichts“ außer Dunkelheit im Herzen. Wir wissen es nicht…

Ich weiß nur eins: Als ich in dem Alter von Mefi-Boschet war, hatte ich auch nichts … nicht viel. Ich lebte in einem Heim, wo mir nichts gehörte. Ich hatte mit fünf Jahren schon öfters erlebt, dass meine Eltern nichts von mir wissen wollten… Und als ich mit fast acht Jahren zur Schule kam, besaß ich nichts außer ein Buch, das mir die Heimleitung zum Abschied geschenkt hatte. Mein neues Zuhause entpuppte sich als ein „Ort der Dunkelheit“, weil sehr wenig mit mir gesprochen wurde. Aus irgendeinem Grund hatte auch mich jemand – aus Versehen oder absichtlich – fallengelassen. Und bald musste auch ich am Boden kriechen, weil mir ein Rollstuhl verwehrt wurde… 

Im „Ort ohne Wort“ ist Mefi-Boschet der Abgeschobene, der entmachtete Thronfolger. Ihm ist immer eingebläut worden, dass er sich vor dem neuen König verstecken muss, weil er ihn töten will. Dazu kommt noch, dass er mit den Auswirkungen seiner schweren Behinderung zu kämpfen hat – mit ständigen Schmerzen, womöglich mit Krämpfen und der Sehnsucht nach einem normalen Leben. Er ist verstoßen von seinem früheren Zuhause. Er hat im Palast des Königs gelebt. Und nun ist er an diesen gottverlassenen Ort. Wie lange Mefi-Boschet in Lo-Dabar lebt, ist nicht bekannt. Vielleicht sind es 15 bis 20 Jahre. Denn mittlerweile hat er eine eigene Familie, einen Sohn, der Micha heißt. Doch sie alle leben da, wo „Nichts“ ist.

Wenn wir in dem Ort sind, wo „Nichts“ ist, kann sich niemand selbst befreien. Da brauchen wir  jemanden, der von außen eingreift. Bei Mefi-Boschet ist es König David, der sich an seinen Freund Jonathan und das ihm gegebene Versprechen erinnert. Bei uns ist es Jesus, der Gottes Versprechen einlöst, dass er uns nie mehr zürnen will (nachzulesen in Jesaja 54,9).

König David begegnet Mefi-Boschet freundlich. Um ihm die Angst zu nehmen, dass er ihn umbringen will, sagt er zu ihm: „Fürchte dich nicht!“ Er will barmherzig zu ihm sein. Aber ist euch schon einmal aufgefallen, dass Mefi-Boschet in der ganzen Geschichte nur einen einzigen Satz sagt – nämlich: „Wer bin ich, dein Knecht, dass du dich wendest zu einem toten Hunde, wie ich es bin?“ Er macht sich klein und glaubt, keinerlei Würde zu besitzen, weil er eine Behinderung hat. Zutiefst schämt er sich für seine Beeinträchtigung. Er hält sich selbst für eine Schande und betitelt sich allen Ernstes als toten Hund. Und damit macht er der Bedeutung seines Namens in der Tat alle Ehre. Denn Mefi-Boschet heißt wörtlich übersetzt: „Aus dem Mund (kommt) Schande“. Er, der jahrelang im „Ort ohne Wort“ gelebt hat, bringt in diesem Abschnitt nur einen Satz der Schande über die Lippen, weil er den Erwartungen seiner Mitmenschen und auch den Erwartungen an sich selber, nicht entspricht oder vielmehr entsprechen kann. Er glaubt, wert- und nutzlos zu sein und es am wenigsten verdient zu haben, vom König zur Tischgemeinschaft berufen zu werden. 

Jeder von uns hat eine sichtbare oder unsichtbare Beeinträchtigung. Der eine trägt eine Brille, die andere hat ein Hörgerät und manche benötigen einen Gehstock. Aber darüber hinaus gibt es viel mehr unsichtbare Handicaps. Sei es ein Herzschrittmacher, künstliche Hüftgelenke, Depressionen, und wer von uns schleppt kein Päckchen mit sich herum, das gefüllt ist mit schweren Verletzungen und Altlasten aus der Vergangenheit… Manchmal sind wir gelähmt vor Angst, gelähmt von Hiobsbotschaften, gelähmt vor Verzweiflung…

Aber jeder von uns ist auch eingeladen, zum König zu kommen – so wie er ist. Niemand muss Angst davor haben, dass er ihn vernichten will. Unser König Jesus sagt vielmehr: „Fürchte dich nicht, denn ich will Barmherzigkeit an dir tun.“ Für ihn zählt nicht, wie wir kommen – ob mit Schuld beladen oder mit Schwächen versehen, sondern, dass wir kommen. Er will uns Gutes tun. Und wir dürfen zusammen mit ihm Tischgemeinschaft haben – tagtäglich. Einmal im Monat erinnern wir uns hier beim Abendmahl, was Jesus für uns getan hat, was es ihn gekostet hat, unsere engen Grenzen zu sprengen und uns zu retten. Er sucht Gemeinschaft mit uns. Und er möchte uns täglich sagen: 

1. Du bist wertvoll und angenommen, genau so wie du bist. 

2. Du bist in meinen Augen einzigartig und etwas Besonderes.

3. Du darfst schwach und unvollkommen sein.

4. Du bist aus Lo-Dabar, dem Ort der Dunkelheit, gerufen in mein ewiges Licht.

5. Du bist auserwählt und darfst Platz nehmen am Tisch des Königs.

6. Ich heile dich so, wie es in meinem Plan vorgesehen ist.

Mefi-Boschet hat die Chance genutzt, die ihm geboten wird und hat sich nicht in die Opferrolle verkrochen. Sein Wagnis, mit nach Jerusalem zu gehen, wird reich belohnt. Er ist nicht mehr der bemitleidenswerte Mann am Rande der Gesellschaft, sondern der Gleichgestellte in der Heimat. 

Die Beeinträchtigung von Mefi-Boschet bleibt ein Teil von ihm. Aber sie ist kein Grund mehr, ihn oder sich selbst anders zu behandeln. Zusammen mit anderen Gästen sitzt er gleichberechtigt am Tisch des Königs. Mefi-Boschet bekommt seinen ganzen Besitz, samt Haus und Diener zurück – und das ist keine Mitleidsgeste. Denn hätte es noch andere Nachkommen Jonathans gegeben, hätten sie auch so ein Geschenk bekommen. Der Unterschied ist nur der: Für andere sind Diener vielleicht eine gesellschaftliche, selbstverständliche Bequemlichkeit. Für Mefi-Boschet hingegen sind sie eine absolute Lebensnotwendigkeit.

Mefi-Boschet ist einer der Wenigen, die äußerlich nicht geheilt werden und von denen die Bibel trotzdem namentlich spricht. Er bleibt lahm, aber nicht gelähmt – vor Unsicherheit und Verzweiflung. Die Barmherzigkeit und vollkommene Zuwendung seines Königs haben ihn neu ermutigt, trotz der Behinderung mit beiden Beinen im Leben zu stehen. Er lernt sogar, eigenständig zu wirtschaften. Zwar hat er Ziba, seine Söhne und Knechte, die sein Ackerland bewirtschaften. Doch er muss sie leiten, managen und entlohnen. Aber der König ließ ihn damit nicht allein. Jeden Tag konnte er wieder zu ihm kommen und sich bei einem kräftigen Essen bei ihm stärken und während der Tischgemeinschaft vielleicht mit ihm über die neuen Herausforderungen reden… All das stärkte sein Selbstbewusstsein!   

Schon wieder sehe ich Parallelen zu mir. Auch ich darf jeden Tag zu meinem König kommen, der mich vor fast 30 Jahren in seine Arme zog. Wie er das tat, dürft Ihr gern in meinem Buch nachlesen… Jeden Tag darf ich mich bei Gott stärken und mit ihnen über meine Herausforderungen reden. Denn ähnlich wie Mefi-Boschet darf ich eigenverantwortlich leben. Ich habe seit 15 Jahren eine eigene kleine Firma: das sogenannte Arbeitgebermodell. Das bedeutet: Ich muss und darf dafür sorgen, dass meine drei Assistenten – die alles übernehmen, was ich selbst nicht kann – mit Arbeit versorgt und entlohnt werden. Monat für Monat erstelle ich Dienstpläne, mache ich die Lohnabrechnungen und denke mir aus, womit ich die drei Hübschen beschäftigen kann… Eine schwere Aufgabe (hoffentlich lachen die Zuhörer)! Aber durch sie darf auch ich mit beiden Beinen im Leben stehen, meinen Platz einnehmen – trotz meiner Behinderung. Was für eine Würde und Ehre mir Gott dadurch zuteil werden lässt. Ich bin so dankbar, dass er mich – wie Mefi-Boschet – zu sich gerufen hat…

Wie gut, dass Gott eine Schwäche für unsere Schwächen hat. Er möchte alle in seiner Nähe haben, um mit uns Gemeinschaft zu pflegen, um uns Verantwortung zu übertragen, damit sein Reich weiter gebaut werden kann. Wir dürfen kommen – egal, was einmal war. Und darum ruft er uns als König auch heute zu: „Fürchtet euch nicht! Kommt zu mir! Ich will euch nicht vernichten, sondern euch Barmherzigkeit erweisen um meines geliebten Sohnes willen!“ AMEN.

Jana Schumacher

Ich bin Jana Schumacher und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; und ich liebe das Mehr, das Jesus Christus mir mehr und mehr ins Herz gibt: Himmel im Herzen!