Gesund geliebt

Gesund geliebt

Ich hatte einmal einen Vogel — einen kleinen Wellensittich. Vor ungefähr 25 Jahren wurde er ganz verängstigt, total abgemagert und krank bei mir zu Hause eingeflogen. Damals hätte ich mir noch nicht vorstellen können, dass ich so viel Freude mit ihm haben würde, nachdem ich ihn gesund geliebt hatte! 

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Peppi — wie ich ihn nannte — war erst drei Monate alt. Aber er ließ schon mächtig seine Flügel hängen. Bis dahin saß er mit zwei Artgenossen zusammen in einem Käfig, die unermüdlich auf ihm herumhackten und futterneidisch waren. Als seinem Besitzer auffiel, dass er tierisch litt, flog er bei den anderen wieder heraus. Er landete in einem kleinen Bauer, der in einem abgelegenen Raum stand. Damit war die Angelegenheit offensichtlich abgeschlossen. Fast eine Woche wurde Peppi nämlich vergessen, sodass weder sein Fressen noch sein Trinken erneuert wurde. Auch fand er keine Nestwärme. Kein Wunder, dass er eine Menge Federn ließ. 

Als ich den Besitzer, der übrigens ein guter, ein gutherziger Freund von mir war, wieder einmal besuchte, entdeckte ich den Kummer in der Kammer. Ich bekam Mitleid mit dem armen Tier und bot an, das Vögelchen von nun an unter meine Fittiche zu nehmen. „Kannst du gern machen, aber dieser Wellensittich wird nicht mehr zahm. Das solltest du wissen. Nur wenn man sich in den ersten Lebenswochen viel mit ihm beschäftigt, wird er zutraulich!“, meinte der Experte.

Irgendwie wollte ich das nicht hinnehmen. Peppi sollte gesund geliebt werden! Also kaufte ich ihm erst einmal einen größeren Käfig; ich besorgte Spielzeug für ihn; er bekam Aufbaufutter. Doch anfangs traute er mir in keiner Weise über den Weg. Wenn ich ihm — trotz guten Zuredens — mit irgendwelchen Leckerbissen die Hand reichen wollte, zeigte er mir die Krallen oder schimpfte wie ein kleiner Rohrspatz mit mir. Von Fortschritt konnte leider nur die Rede sein, weil Peppi immer fortschritt, wenn ich ihm entgegenkam.

Trotzdem gab ich nicht auf. Im Gegenteil: Ich nahm mir ganz viel Zeit für Peppi. Jeden Tag sang ich: „Kommt ein Vogel geflogen …“ Ich redete ihm gut zu oder las ihm aus der Zeitung vor. Mit Grünfutter versuchte ich, ihn weiterhin anzulocken. Und – siehe da, nach einem guten Vierteljahr flog er förmlich auf mich ab.

Seitdem erzählte Peppi mir eine Menge aus seinem Leben — gerade wie ihm der Schnabel gewachsen war. Aus voller Kehle zwitscherte er mit, wenn das Radio spielte. Er lief auf Tischen und Schränken herum, (wobei er deutliche Spuren hinterließ). Desgleichen kaute er mir förmlich das Ohr ab, während er auf meiner Schulter saß. Und — Petersilie oder Vogelmiere fraß er mir problemlos aus der Hand. Durch ein bisschen Herz und Hirn hatte ich ihn einfach nur gesund geliebt, sodass der kleine Spaßvogel noch neun schöne Lebensjahre genoss! 

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Ich frage mich: Wem kann ich mich heute zuwenden, weil er meine Zuwendung braucht? Es gibt ja so viele komische, kranke oder einsame Vögel, die Federn gelassen haben. Und damit meine ich nicht nur die Lebewesen in der Tierwelt. Gerade in dieser Krise sind viele Menschen einsam; sie fühlen sich eingesperrt wie in einem Käfig. Andere haben Artgenossen, die ständig auf ihnen herumhacken. Und wiederum hungert doch jede und jeder von uns nach Liebe, nach Leben, nach Licht …

In den seltensten Fällen kommt mir die flügellahme Person ins Haus geflattert; ich darf mich aufmachen, Ausschau nach ihr halten und ihr entgegengehen. Vielleicht werde ich nicht gleich mit offenen Armen empfangen. Manche Menschen brauchen einen Vorschuss an Vertrauen, bis sie mir trauen. Aber eins steht fest: Wenn ich ein wenig Zeit, ein wenig Herz und Hirn in sie investiere, werden sie — in den meisten Fällen — nicht nur gesund geliebt, sondern sie beschenken mich auch überreich. 

Sodann bin ich jetzt bereit — für den Abflug, für den Ausflug 

Jana Schumacher

Ich bin Jana Schumacher und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; und ich liebe das Mehr, das Jesus Christus mir mehr und mehr ins Herz gibt: Himmel im Herzen!