Es piepte leise, aber beständig

Es piepte leise, aber beständig

Ich lag im Vorgarten auf unserer Terrasse und badete in der Sonne, in der Ruhe, im Glück. Es war ein herrlicher Frühlingstag im März 2021 und es piepte leise, aber beständig … Nein, mein Handy wies mich auf keine neue Nachricht hin. Auch das Telefon im Wohnzimmer meldete sich nicht. Und sowohl der Fernseher als auch das Radio waren still.

Die zarten Geräusche zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich öffnete die Augen, hob den Kopf und schaute mich um. Es dauerte eine Weile, bis ich das Nest auf unserem Vogelhäuschen in der Zypresse wahrnahm. Tatsächlich war es bewohnt. Amseln hatten sich hier eingenistet. Während die Jungen unermüdlich um ihr Leben piepten, schafften die Eltern im Eiltempo Nahrung heran.

So wuchsen die jungen Amseln heran. Es piepte leise, aber beständig weiter. Und irgendwann sah ich sogar die Schnäbelchen, die sich kraftvoll nach dem Futter ausstreckten, das ihnen permanent zugetragen wurde. Ich staunte innerlich über diese Emsigkeit: „Wie sehr diese kleinen Tiere doch nach dem Leben hungern …“, überlegte ich. „Sie wollen groß und stark werden, um irgendwann aus dem Nest zu kommen, um die Flügel auszustrecken, um zu fliegen — mit allen Annehmlichkeiten und mit allen Schwierigkeiten!“ 

Tja, es piepte leise, aber beständig. Doch — inzwischen ist das Nest längst leer. Die kleinen Amseln sind flügge geworden. „Und ich …?“, dachte ich bei mir selbst. „Reicht es mir, ein Nesthocker zu sein? Oder möchte ich auch meine Flügel ausstrecken und in allen Herausforderungen, die das Leben mit sich bringt, über mich hinauswachsen? Möchte ich bewusst erwachen und damit erwachsen werden, um meiner Berufung gemäß zu handeln? Fliege ich noch auf neue Abenteuer ab?“

Ich glaube, dass es sinnvoll ist, die Welt immer wieder einmal „aus der Vogelperspektive“ zu betrachten … von oben … mit den Augen des einen, der sie geschaffen hat. Ja, es ist so ein unglaublich großes Geschenk, um ein Zuhause zu wissen, in dem ich fühlen kann, dass ich ganz ich selbst sein darf. Hier muss ich andern und mir nichts vormachen. Ich darf lachen und weinen; ich darf hungern und alles satt haben; ich darf mich schöpferisch ausprobieren und völlig erschöpft sein; ich darf meinen Mitbewohnern erzählen, dass ich auf die Nase gefallen bin und ich darf mit ihnen zusammen überlegen, wie ich wieder auf die Füße falle. Hier darf ich für mich sorgen und hier darf ich mich versorgen lassen. Ja, und dann kann ich mit dieser Nestwärme meine Türen öffnen, um mich in der Welt außerhalb von mir um ein wenig „Werterwärmung“ zu kümmern — mit dem, was ich ganz persönlich mitbringe.

In meinen Augen fliegen Vögel als besondere „Erinnerungsstücke“ für uns Menschen durch die Welt. Ihr Auftrag ist es, uns immer wieder ins Gedächtnis zu rufen … zu piepen … zu singen, dass jeder und jede unter uns viel kostbarer ist als alle Sperlinge zusammen. Das dürfen wir weitersagen. Wir dürfen uns „dem Leben“ anvertrauen; wir dürfen als Geliebte lieben; wir dürfen uns als Beschenkte  verschenken. Und wenn wir dabei Federn lassen müssen oder flügellahm werden, dann dürfen wir „das Leben“ wieder ganz in Ruhe einatmen. Dadurch spüren wir allmählich, wie wir neue Kraft bekommen, sodass wir aufsteigen mit Flügeln wie Adler. Da oben — in den Lüften — bekommen wir auch einen Blick, einen Einblick, einen Ausblick dafür, dass wir niemals allein sind. Denn „das Leben“ versorgt uns mit dem, was wir wirklich brauchen. Und wir sorgen für diejenigen, die es uns anvertraut. 

Ich möchte von den Vögeln — und speziell von den Amseln — lernen; ich möchte es ihnen gleichtun. Es piepte leise, aber beständig durch sie in meinem Vorgarten. Denn sie hatten ein Haus gefunden und gleichzeitig ein Nest für ihre Jungen. Sie taten alles, um sie großzuziehen. Und dann zogen sie aus, weil sie sich mit anderen Aufgaben „dem Leben“ widmeten. So möchte auch ich mich meinen Herausforderungen, meiner Verantwortung stellen. Für die Menschen meines Umfeldes kann ich immer wieder den Tag besingen, auch wenn es noch dunkel ist — weil „das Leben“ mich diesbezüglich hoffnungsvoll und vogel-frei gemacht hat! 

Jana Schumacher

Ich bin Jana Schumacher und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; und ich liebe das Mehr, das Jesus Christus mir mehr und mehr ins Herz gibt: Himmel im Herzen!