Das Geschenk des Neubeginns
A mature couple's hands at their wedding.

Das Geschenk des Neubeginns

Irmgard war immer noch todunglücklich. Seitdem ihr Mann vor vier Monaten gestorben war, spürte sie kein Leben mehr in sich. Mit ihm hatte sie auch ihre ganze Hoffnung und ihren Mut begraben.

   Täglich ging Irmgard auf den Friedhof. Sie zündete immer wieder neue Kerzen an, wobei ihr die Tränen über das Gesicht liefen, weil es in ihr so dunkel war.

   Auch an jenem Samstag im Oktober war sie hier. Und – wie jedes Mal machte sie sich irgendwann wieder auf den Heimweg. Schweren Schrittes kam sie nur langsam voran. Ihr Blick war – wie immer – gesenkt. Vor einer Ruhestätte, an der sie jeden Tag vorbeikam, sah sie heute etwas Merkwürdiges liegen. Es war klein und schwarz. Verloren sah es aus. Irmgard schaute sich verstohlen um. Dann bückte sie sich und entdeckte eine Brieftasche. Es war ihr unangenehm, einen Blick hineinzuwerfen. Sie sah ein paar Geldscheine, aber entscheidend war für sie, herauszubekommen, wem das kostbare Stück gehörte. Da der Personalausweis – Gott sei Dank – auch nicht fehlte, las sie, dass die Brieftasche einem Mann gehörte, der nur ein paar Straßen vom Friedhof entfernt wohnte. Und so entschied sie, diese sofort dort abzugeben.

   Als Irmgard vor der Tür stand und geläutet hatte, öffnete ihr ein Mann im besten Alter. Er freute sich so sehr, dass das Verlorene wohlbehalten wieder zu seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgekehrt war und lud die ehrliche Finderin zu einer Tasse Kaffee ein.

   Dann erzählte er seinem Gast, dass seine erste Ehe geschieden wurde und seine Verlobte nach nur wenigen Monaten des Kennenlernens an Krebs gestorben war. Die Kinder kamen nur selten bei ihm vorbei, und Freunde hatten sich – in der Trauer – von ihm zurückgezogen…

   Irmgard wusste sich verstanden und gestand ihrem Gegenüber, dass sie sich auch allein fühlte, seitdem sie Witwe war.

   An diesem Nachmittag stellten Irmgard und Erich fest, dass sie so vieles gemeinsam hatten: den Verlust ihrer Partner und auch die Hoffnungslosigkeit in der Einsamkeit… 

   Sie verabredeten sich jetzt öfters und spazierten zusammen zum Friedhof. Dabei sprachen sie auch viel über das Erlebte, über ihre Enttäuschungen, über ihre Ängste. Das tat beiden offensichtlich gut, sodass sich die Leere allmählich mit Leben füllte. Im Laufe der Wochen kehrte eine neue Freude in ihre Herzen ein, und das Lachen kam auch zurück.   

  Erich und Irmgard schmiedeten irgendwann Zukunftspläne. Sie suchten sich eine gemeinsame Wohnung, eine Kirchgemeinde, in der sie ihren Glauben vertiefen konnten – und sie heirateten mit über 50 Jahren. Als Trauspruch kam für sie nur ein Vers aus Jesaja 43 infrage: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ (Vers 19) Denn beide erlebten – nach dem Sterben ihrer Ehepartner – wie auch in ihnen so manches erstorben war. Aber Gott hatte ihnen gemeinsam einen neuen Lebensraum geschenkt – Raum, um wieder lieben und lachen zu können.

   Als Zeichen für die Wunden und das Wunder schenkte Erich seiner Irmgard eine Yucca-Palme. Er erklärte ihr dazu: „Weißt du, wir beide sind wie ein Bäumchen, das an einer Stelle völlig gekappt wurde. Die Schicksalsschläge haben uns umgehauen. Und doch waren Wurzeln da, durch die Gott Neues wachsen lassen konnte.“

   Irmgard freute sich über dieses Geschenk und die Präsenz von Erich. Beide hegten und pflegten das Pflänzchen genau so wie ihre Liebe – bis ins hohe Alter. Denn dass diese Liebe zueinander von Tag zu Tag gewachsen ist, kann ich bezeugen. Denn ich bin ihr Enkelkind!

 

(Im liebevollen Gedenken an Eurem 50. Hochzeitstag, den Ihr jetzt gefeiert hättet…)

 

Autorinjanaschumacher

Ich bin Baujahr 1970 und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; und ich liebe das Mehr, das Jesus Christus mir mehr und mehr ins Herz gibt: Himmel im Herzen!

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