Der ErmuTiger

Der ErmuTiger

Durch einen Unfall war eine Frau gezeichnet. Und nun zeichnete sich ab, dass sie zum wiederholten Male operiert werden musste, wovor sie sich verständlicherweise fürchtete.

Als sich eine Seelsorgerin an diesem Tag zu ihr an das Bett setzte, wurde die Frau gefragt: „Wie fühlen Sie sich heute?“ 

„Ach, irgendwie schlagen zwei Seelen in meiner Brust!“, gestand die kranke Frau. „Ich bin so froh, dass ich überlebt habe. Dadurch habe ich begriffen, dass ich stärker bin, als ich denke. Das Leben hat noch etwas mit mir vor. Da möchte am liebsten der Tiger in mir ‘raus… Doch da ist auch noch diese andere Seite in mir!“, sagte sie zögerlich und voller Scham. „Ich spüre, wie viel Federn ich gelassen habe, seitdem ich hier liege. Die Krankheit macht mich so flügellahm… Vor meiner Familie reiße ich den Schnabel auf … riskiere die große Klappe, aber ich habe solche Angst vor der nächsten OP. Ich möchte am liebsten fliehen – weit wegfliegen.“

Die Seelsorgerin hörte aufmerksam zu. Rasch kramte sie in ihrer Handtasche, um ihr Handy zu suchen – und zu finden. „Ich möchte Ihnen etwas zeigen…“, erwähnte sie, wobei sie auf dem Display scrollte. „Vor einiger Zeit habe ich ein Foto gemacht – von einem Graffiti-Kunstwerk, das ich selbst sehr imposant fand!“

Als sie es entdeckt hatte, hielt sie der Verunglückten das Handy so vor das Gesicht, damit sie es gut sehen konnte: Ein Tiger saß ganz friedfertig am offenen Fenster eines Hauses und schaute völlig entspannt hinaus. Die Tatzen hatte er ruhig auf den Rahmen gelegt. Doch nur wenn man das Bild genauer betrachtete, nahm man den kleinen Wellensittich wahr, der absolut still auf einer der Vorderpfoten ruhte – ohne die Angst zu verspüren, gleich aufgefressen zu werden.

„Das ist ja total unrealistisch…“, schätzte die kranke Frau ein.

„Sicher, das mag sein… Da hatte der Künstler wirklich eine blühende Fantasie!“, gab die Seelsorgerin zustimmend zurück. „Deshalb habe ich das Foto auch nicht aufgenommen. Aber – ist es nicht so, dass die zwei in unserem Herzen wohnen – ein MächTiger und ein SchmächTiger? Wir haben beides in uns: das Starke und das Schwache, das Standhafte und das Flatterhafte. Wir zerfleischen und wir mausern uns. Das macht uns aus. Und nur wenn sowohl der Große in dem Kleinen als auch der Kleine in dem Großen in uns eins wird, können wir Ruhe finden. Das dürfen wir jeden Tag in Betracht ziehen – auch wenn eine Herausforderung vor uns liegt, der wir uns kaum gewachsen fühlen!“

An diesem Tag wurde die Seelsorgerin ein großer ErmuTiger für die kranke Frau. Und das hat mir ein Vögelchen gezwitschert…

Jana Schumacher

Ich bin Jana Schumacher und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; und ich liebe das Mehr, das Jesus Christus mir mehr und mehr ins Herz gibt: Himmel im Herzen!