Jana Schumacher 

Das Leben ist (k)ein Spaziergang 

Bewegende Gedankengänge 

Die Idee, „bewegende Gedankengänge“ aus meinem Leben aufzuschreiben, ist während der Corona-Pandemie entstanden. Als der aggressive Virus im Frühjahr 2020 in Windeseile die ganze Erde lahmlegte, machte ich häufig in dem Park einen Spaziergang, der – bei mir in der Wohngegend – von der weltweiten Krise nichts wusste. 

   

Diese Grünanlage hatte keine Ahnung von der ergreifenden Angst, sich mit Covid-19 infizieren zu können. Und sie kannte auch weder soziale Distanz noch Kurzarbeit oder drohende Insolvenz, weder fehlendes Toilettenpapier in den Regalen der Supermärkte noch die vermehrte Einsamkeit oder Langeweile – durch die durchgeführten Einschränkungsmaßnahmen. Rund um den Globus stöhnten die Menschen zu Recht, wenn sie – mit anderen Worten – meinten: Das Leben ist kein Spaziergang!

   

Aber – wie bereits erwähnt: Der Park, in dem ich mich immer wieder einmal aufhielt, schien von dem Ganzen überhaupt nichts mitzubekommen. Im Gegenteil: Trotz Corona blühte die Natur nach und nach auf. Die Krokusse, Tulpen, Narzissen, die vielen Knospen an den Sträuchern und Bäumen bekannten Farbe. Sie zeigten mir, dass sich das Leben auch in der Krise durchsetzte. Was war das doch für eine gute Botschaft, die meine Seele ebenso wärmte wie die zarten Sonnenstrahlen, die mein Gesicht ganz oft berührten!

   

Gerade in Zeiten wie diesen brauchen wir Menschen viel mehr Hoffnungszeichen, Mutworte und Kraftfutter als Hiobsbotschaften und schlechte Nachrichten, die uns Tag für Tag in den Medien übermittelt werden. Deshalb möchte ich in einigen Geschichten aus meiner Vergangenheit und Gegenwart erzählen, dass das Leben – in der Tat – manchmal ein Spaziergang sein kann … auch wenn manche Stolpersteine das Vorankommen erschweren. Denn einer begleitet mich auf allen meinen Wegen. Und – er führt mich … am Ende … an ein gutes Ziel.

   

Ich möchte Sie einladen auf ein paar Gedanken-Gänge durch Zeiten meines Lebens. Kommen Sie mit? Ich verspreche Ihnen eine spannende Entdeckungsreise, die Leichtigkeit in mancher Schwere mit sich bringt…

Still-leben

„Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin.“ (Psalm 46,11)

 

Auch während der Corona-Pandemie werden Jünger älter. 

 

Am 17. März 2020 hatte meine Assistentin und beste Freundin Katrin Geburtstag. Zusammen mit ihrem Mann Thomas wollte ich ihr einen Kurztrip nach Grömitz schenken. Die Ferienwohnung war für vier Tage gebucht. Und die Ostsee freute sich schon, dass wir drei – wie so oft – über ihre Größe und Tiefe staunten. 

 

Für uns war es eine schöne Gewohnheit geworden, dass wir gemeinsam hin und wieder dem Alltag für eine kurze Zeit entfliehen konnten. Durch die Weite des Meeres zeigte uns Gott dadurch immer wieder, dass das Leben weit mehr zu bieten hatte als Arbeit, die uns gefangen nehmen konnte – als Schmerzen, die mich tagtäglich einengten – als Probleme, die uns fesselten.

 

Doch nun war unser Vorhaben – buchstäblich – ins Wasser gefallen, weil die ganze Welt durch den ansteckenden Virus ins Schwimmen geraten war und in Deutschland der so genannte Lockdown ausgerufen wurde. Zeitlich begrenzt durften wir uns nur noch in der unmittelbaren Nähe unseres Wohnhauses aufhalten. Das Verreisen war … vorerst … in weite Ferne gerückt, was vor allem das Geburtstagskind traurig stimmte.

 

Nichtsdestotrotz packten wir an diesem Vormittag die Koffer – zumindest meine… Denn Katrin und Thomas kamen noch am selben Tag auf die glorreiche Idee, dass ich bei ihnen einzog. „Dann sind wir nicht allein – und du bist rund um die Uhr versorgt … während der Krise!“, bekräftigten beide. Da ich schon sehr oft bei diesem liebevollen Ehepaar zu Gast war und mich in ihren vier Wänden sehr wohlgefühlt hatte, lehnte ich nicht ab. Ich war hellauf begeistert über die Einladung; sie schien mir, ein Lichtblick in diesen dunklen Tagen zu sein.

 

Tja, und so saßen wir am Nachmittag gemütlich bei Kerzenschein, Kaffee und Kuchen zusammen und würdigten, dass Katrin lebte, unter uns lebte. Ich glaube: Das größte Geschenk für sie, für Thomas und mich war, dass wir uns so gut verstanden und dass wir gesund waren. 

 

Später guckten wir noch einmal in die Röhre. Jeder Sender brachte die Schreckensnachrichten, die Covid-19 mit sich brachte. Ohne auch nur ein Wort der Hoffnung zu verlieren, wurde von den ansteigenden Zahlen der Neuinfizierten, von Toten und von den Überforderungen aller Virologen, Mediziner und dem Pflegepersonal – rund um den Erdball – berichtet. Ich fühlte, dass mein Herz sich dabei wie ein aufgewühltes Meer bewegte. Die Wellen der Ohnmacht und des Schreckens schwappten so weit über, dass ich kalte Füße bekam. Schließlich gehörte ich zu der Risikogruppe. „Ob ich die Symptome der Erkrankung so einfach wegstecken würde…?“, ging mir währenddessen durch den Kopf.

 

In meinem Rollstuhl fuhr ich irgendwann in das Gästezimmer, das Katrin und Thomas ganz gemütlich für mich hergerichtet hatten. Ich suchte Rückenwind, die Ruhe in dem Sturm. Demnach schloss ich meine Augen und betete zum allmächtigen Gott. Ich vertraute ihm meine Ängste, meine Sorgen, meine Hilflosigkeit an. 

 

Nachdem ich das Amen gesprochen hatte, sah ich wieder auf und entdeckte den Bibelvers am Kalenderblatt des Monats: „Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin.“ (Psalm 46,11) Das war es also, was ich in der Krise lernen durfte – Ruhe zu bewahren, in die Stille zu gehen und auf Gottes Eingreifen zu warten; alles von ihm zu erwarten. 

 

Ich legte – bildlich gesehen – nicht nur die Welt, sondern auch mein Herz, mein Leben, „mein Haus“ in seine starken, zärtlichen Hände und spürte, wie sich – für eine Weile – alle Wogen glätteten, obwohl wir gar nicht an das Meer gefahren waren. Das war wirklich abgefahren!

Innehalten schafft Inhalt

„Durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein.“ (Jesaja 30,15)

 

Kurz bevor „Corona & Co“ hierzulande nur noch unser Leben bestimmen wollte, las ich einen Satz, den ich feinsäuberlich im hintersten Regal meines Oberstübchens deponierte. Er hieß: „Wenn du nicht nach draußen kannst, dann gehe nach innen.“ 

 

Nachdem „von oben“ dann der so genannte „Lockdown“ verordnet wurde, fuhr ich nicht nur ganz oft in „meinem“ Park spazieren, sondern saß auch sehr oft in dem Stübchen, das Thomas und Katrin mir so großzügig zur Verfügung gestellt hatten. Und so machte sich die aussagekräftige Aufforderung irgendwann von ganz allein bemerkbar. Irgendwie wollte sie beachtet, geachtet werden. Also ging ich in mich und dachte darüber nach, was Gott mir offensichtlich durch sie sagen wollte. „Ja, derzeit kann ich nicht uneingeschränkt nach draußen… Aber wie oft habe ich in den letzten Jahren nur ‚nach außen’ gelebt!“, gestand ich mir ein. Gerade als Autorin konnte ich ja nicht nur im stillen Kämmerlein Bücher schreiben; ich musste sie auch nach draußen transportieren; sie repräsentieren… Daher bewegte ich mich seit einer geraumen Zeit vermehrt in den Social Media. Ich machte Werbung für meine RÄTSELANDACHTEN und für meine Biografie „Nicht auf den Kopf gefallen, oder?!“ Vielen netten Bekannten und Unbekannten erzählte ich eine Menge aus meinem Leben. Meine Gedanken richtete ich darauf, wie ich sie aufrichten konnte. 

 

Ich steckte ganz viel Herzblut und Kraft in diese Aufgabe und merkte immer mehr, wie kraftlos ich selbst wurde. Im Laufe der Zeit fühlte ich mich im großen Online-Netz so gefangen und verloren wie ein Fischlein im Kescher eines Anglers, das um sein Leben bangte; ich drohte, mich selbst zu verlieren!

 

                                                                                                                  ~ ~ ~

 

Obwohl die digitale Welt – auch während der Corona-Pandemie – uneingeschränkt für mich offen war, schloss ich für eine Weile ihre Pforten. Ich ging tatsächlich nach innen. In meinen Gedanken räumte ich so auf, dass ich Gott allmählich wieder dafür danken konnte, was ich an Gutem erlebt hatte. Und meinen Gefühlen räumte ich Platz ein, wodurch ich erneut mit Freude, Kraft und Zufriedenheit erfüllt wurde.

 

Gott hatte mich zum Schreiben berufen. Als mir das im Innehalten ganz neu bewusst wurde, war mein Herz wieder Feuer und Flamme. Fortan durfte ich mich neu erfinden. Und so entstand – wie bereits erwähnt – die entzündete Idee, meine „bewegenden Gedanken-Gänge“ schriftlich festzuhalten und an dieser Stelle zu veröffentlichen. Denn durch sie darf Gott noch so manches Menschenherz erwärmen. Ja, und vielleicht springt bei dem einen oder anderen sogar der göttliche Funke über, sodass es für Gottes Angelegenheit brennt und einen Hoffnungsschimmer hinterlässt!

Still-gehalten

„Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen.“ (Psalm 37,5)

 

Hanna stand mit beiden Beinen fest im Leben. Ihre drei Söhne waren bereits aus dem Haus, sodass sie – neben ihrer Arbeit als Arzthelferin – in anderen Tätigkeiten aufging. Sie engagierte sich ehrenamtlich in ihrer Kirche, indem sie nicht nur im Chor mitsang. Nein, sie leitete obendrein die sonntäglichen Kindergottesdienste und die Krabbelgruppe für die Kleinsten. Ihr Leben war erfüllt, ausgefüllt.

 

Doch – dann kam der Ausbruch von Corona und damit der Umbruch, der Einbruch, der Aufbruch in die Isolation. In der Kirche wurden die Veranstaltungen für die Kids abgesagt. Und der Chor traf sich vorerst auch nicht mehr, sodass Hanna viel mehr Zeit zur Verfügung stand.

 

„Das ist schon merkwürdig!“, gestand mir meine Freundin am Telefon. „Ich habe so viel Ruhe, mit der ich gar nichts anzufangen weiß…“

 

„Kannst du sie denn gar nicht genießen?“, fragte ich zurück. „Du könntest wieder einmal ein Buch lesen, Musik hören, einen Spaziergang machen – dich selbst verwöhnen…“

 

„Ich bin – ehrlich gesagt – froh, dass ich meiner Arbeit noch nachgehen kann. Dort werde ich gebraucht. Denn sonst fragt kaum einer nach mir… Ich fühle mich so leer und langweile mich. Oft denke ich darüber nach, worin der Sinn meines Lebens eigentlich besteht und was ich wirklich wert bin!“

 

~ ~ ~

 

Hannas Gedankengänge erinnerten mich an die Zeit, als ich auf der Bibelschule in Berlin Wannsee war. Ich erzählte meiner Freundin nun, dass wir dort in regelmäßigen Abständen die so genannten „Stillen Tage“ erlebten: Nach dem Frühstück bekamen wir von einem Lehrer einen Bibeltext, ein Gedicht oder ein Zitat mit auf dem Weg. Und mit jenen Impulsen durften wir unseren Tag gestalten, wie wir wollten. Die einzige Bedingung war, dass wir still waren – bis wir uns am Abend wieder trafen, um unsere Erfahrungen gemeinsam auszuwerten.

 

Ich vertraute Hanna an, dass mich die Ruhe am Anfang auch völlig unruhig machte. Ständig dachte ich: „Ich muss etwas tun … mich beschäftigen … mich ablenken.“ Und dann machte ich auch etwas – ich räumte auf. Erst einmal brachte ich mein Zimmer in Ordnung. Ich packte weg, was liegengeblieben war; ich wischte Staub und sammelte vom Fußboden alle Fussel und Krümel auf, bis alles picobello aussah. Da ich dabei nicht einmal Musik hören konnte, merkte ich gar nicht, wie ich innerlich schon am Reinemachen war. Ich sortierte meine Gedanken und ließ längst den Anstoß auf mich wirken, den wir von unserem Lehrer  mitbekommen hatten. Und so kehrte langsam in mir Stille, Ruhe ein, sodass ich – im doppelten Sinne – „aufhören“ konnte. 

 

Ich erklärte Hanna, dass gerade die „Stillen Tage“ für mich lauter neue Erfahrungen mit Gott brachten. Es waren Tage, an denen ich seinen Trost spürte; es waren Tage, an denen er meinen Blickwinkel ändern konnte; es waren Tage, an denen er mich in eine andere Richtung führte; es waren Tage, an denen er mich spüren ließ, wie sehr er mich liebte, auch ohne etwas tun zu müssen…

 

~ ~ ~

 

Hanna begann, die Zwangspause durch Corona als eine Chance zu sehen, um ihr Leben neu zu ordnen. Wie ich später erfuhr, sorgte sie für einen Frühjahrsputz in ihrer Wohnung und in ihrer Seele. Denn irgendwann rief sie mich an, um mir zu erzählen, dass sie – Zug um Zug – zur Ruhe gekommen war und mit ihrem Gott bahnbrechende Erfahrungen gemacht hatte, die die Weichen für neue Wege stellten. 

Liebevolle Beweggründe

„Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet.“ (2. Korinther 8,9)

 

Das kleine Virus hielt die Welt in Atem. Und auch ich musste bei all den Schreckensnachrichten, die ich im Radio oder Fernseher verfolgte, oft die Luft anhalten. Gott sei Dank konnte ich jedoch durchatmen, wenn ich in „meinem“ Park eine Spazierfahrt machte.

 

Bei aller Schwarzmalerei empfand ich die Natur wie einen einzigartigen, farbenfrohen Pinselstrich Gottes. Die Blumenpracht kam mir in diesem Frühling noch schöner vor als sonst. Das Blau des Himmels erschien mir viel intensiver als jemals zuvor. Und das Grün der Wiesen erzählte von der Hoffnung, dass der Herr der Schöpfung „Freude im allem Leide“ für uns bereithielt. Manchmal wunderte ich mich nur darüber, dass in diesem Park kaum eine Menschenseele Luft schnappte…

 

Nur wenn ich gegen 13:30 Uhr unterwegs war, sah ich eine alte Dame an einem Rollator ihres Weges gehen. Genau genommen schlich sie jedes Mal dieselbe Strecke voran… Dabei hatte sie offensichtlich große Mühe und wahrscheinlich auch Schmerzen beim Laufen. Ganz langsam und bedächtig kam sie nur vorwärts. Und nach ungefähr fünf Minuten musste sie eine längere Pause einlegen, wobei sie am Wegesrand auf dem Sitz des Rollators Platz nahm, um sich auszuruhen. Da es – für die Jahreszeit – schon sehr warm war, hatte sie stets eine Wasserflasche dabei, aus der sie ein paar Schlucke trank und diese dann neben ihr Gefährt stellte, bis sie sich wieder erhob und Schritt für Schritt weiterlief…

 

Je öfter ich diese Frau im Park erblickte, desto mehr interessierte mich, woher sie kam, wohin sie ging und was ihre „Beweggründe“ für ihre beschwerliche Reise waren. Aber da ich von Natur aus sehr schüchtern und zurückhaltend bin, traute ich mich nicht, sie daraufhin anzusprechen – bis meine Neugierde schließlich doch größer wurde… Und so erfuhr ich eines Tages auf einem „Rastplatz“ von der aufgeschlossenen Dame, dass sie bereits 83 Jahre alt und über ein halbes Jahrhundert mit ihrem Fritz verheiratet war, der – durch einen Schlaganfall – seit einer geraumen Zeit im Pflegeheim hier im Stadtteil Rostocks medizinisch versorgt werden musste. „Vor Corona gab es keinen Tag in unserer Ehe, an dem wir uns nicht gesprochen haben!“, sagte sie mit zittriger Stimme. „Und nun weiß ich nicht einmal, wann ich meinen geliebten Mann wiedersehe, ob ich ihn überhaupt…“ Durch die Angst, dass sie sich beide mit dem aggressiven Virus infizieren konnten, fehlten ihr plötzlich die Worte. 

 

Nachdem sie sich ein wenig gefangen hatte, erzählte sie weiter: „Jeden Tag gehe ich nun zum Heim, wo ich nicht hineingelassen werde – wegen den Auflagen… Aber ich sehe meinen Mann wenigstens am Fenster. Das macht uns glücklich – in dieser ungewissen Zeit.“ Wieder legte die Dame beim Sprechen eine kurze Pause ein. Ihre Augen hatten sich inzwischen mit Tränen gefüllt. Außerdem rang sie nach Luft. Indem sie auf das Körbchen an dem Rollator hinwies, vertraute sie mir weiter an: „Ich habe einen Topfkuchen dabei – selbstgemacht. Den isst mein Fritz am liebsten… Ich hoffe, ich kann ihn heute bei einer Schwester für ihn abgeben! Wissen Sie, meistens ergibt sich nicht die Gelegenheit – dann nehme ich ihn wieder mit. Aber der hier ist ganz frisch… Es wäre so schön, wenn ich ihm heute eine Freude damit machen könnte und wenn ich ihn auch sehen dürfte, damit ich weiß, dass es ihm gut geht!“

 

Allmählich hatte die Frau kein Sitzfleisch mehr. Ganz langsam erhob sie sich von ihrem Sitz, um ihr Ziel zu verfolgen. Und so verabschiedeten wir uns, indem wir uns alles Liebe und auch weiterhin Gesundheit wünschten. Heimlich, still und leise schickte ich ein Gebet zum Himmel, dass Gott dieses Ehepaar behüten möge und dass die Frau ihren Fritz bald wieder in die Arme schließen konnte…

 

 ~ ~ ~

 

Ich war innerlich berührt von der Liebe dieser alten Dame zu ihrem Mann. „Wie viel sie doch auf sich nahm, um ihm täglich eine Freude zu machen…“, staunte ich. Und dann fragte ich mich, welche Wege ich beschritt, um meinen Liebsten – den Höchsten – mit meinem Leben zum Lächeln zu bringen? Verlangte es mich, seine Nähe zu suchen – gerade auch in diesen schweren, unbequemen Zeiten? 

 

Auf meinem Spaziergang dachte ich lange darüber nach, was Jesus Christus  alles für mich getan hatte …wer er für mich war … wie er die Gemeinschaft mit mir suchte … wie er mich fand … wie er mein Retter, mein Erlöser, mein Freund geworden war. Seine grenzenlose Liebe hatte mein Herz wieder einmal tief bewegt, sodass ich bereit war, mit Herz und Händen weiterhin für ihn beweglich zu werden…

Auf-Blick

„Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.“ (Kolosser 3,2)

 

Die Aussage „Das Leben ist kein Spaziergang“ drückt ja mit anderen Worten aus, dass es durchaus Zeiten gibt, in denen nichts läuft … in denen wir nicht mehr das Rennen machen … in denen wir einen Gang herunter- oder heraufschalten müssen. Das heißt doch: Gerade in den Monaten, in denen uns der Corona-Virus in Schach hält und manchmal Matt setzt, kommt uns die Redewendung sehr, sehr nahe. Sie holt uns dort ab, wo wir derzeit stehen!

 

Während ich diese Zeilen schreibe, fällt mir ein, dass ich meinen letzten Spaziergang auf meinen zwei Füßen vor über 35 Jahren gemacht habe. Damals war ich in der Pubertät. Es war schon spürbar zu merken, dass ich bald nicht mehr laufen können würde. Doch – meine Eltern meinten es gut; sie wussten es nicht besser… Und so fuhren sie jeden Sonnabend an einen See, wo ich – an ihren Händen – etwa zwei Kilometer zurücklegen musste, was für mich nun tatsächlich „kein Spaziergang“ mehr war. Meine Beine krampften; der Rücken tat mir weh; und mein Herz war überhaupt nicht bei der Sache… (In meiner Biografie „Nicht auf den Kopf gefallen, oder?!“ können Sie mehr darüber erfahren!)

 

Ich werde wohl niemals die gut gemeinten Ratschläge vergessen, die mein Vater und meine Mutter mir immer und immer wieder mit auf den Weg gaben: „Geh doch gerade!“ „Sieh nach oben!“ „Setz die Beine ordentlich!“ „Dreh deine Füße nach außen!“ „Drück die Hand nicht so fest! Lass endlich mal locker!“ Auch wenn die beiden niemals so richtig locker ließen und ich irgendwann gar nicht mehr wusste, wie ich mich verhalten sollte, so kann ich diese Hinweise heute – mit einem gesunden Abstand – sehr gut auf mein Leben übertragen.

 

Ich möchte gerade durch das Leben gehen,  

weil ich geradlinig sein will! 

 

Ich möchte die Beine ordentlich setzen, 

damit ich standhaft das Leben beschreiten kann!

 

Ich möchte die Hand nicht so fest drücken,

sodass ich bereit bin, zur rechten Zeit loszulassen!

 

Ich möchte nach oben sehen,

um nach meinem himmlischen Vater Ausschau zu halten!

 

Als junges Mädchen stand ich auf ganz wackeligen Beinen. Ich hatte immer Angst davor, dass ich hinfiel, dass ich mich verletzte, dass ich – früher oder später – keine Kraft zum Aufstehen, zum Aufsehen mehr hatte. Genau deshalb schaute ich bewusst die meiste Zeit nach unten, sodass sich mein Bewegungsradius, mein Sichtfeld sehr verkleinerte. Während ich also jede Unebenheit, jeden Stolperstein, jeden Schmutz auf dem Fußboden in Augenschein nahm, übersah ich das Blau des Himmels, das Grün der Natur, die Vielfalt der Farbenpracht in meiner Umgebung… 

 

Worauf konzentriere ich mich heutzutage? Gerade in diesen unsicheren Zeiten ist es wichtig, einen unerschütterlichen Halt zu finden, damit ich die Haltung bewahren und mich angemessen verhalten kann. Wenn ich momentan bloß auf die Umstände sehe, dann drehen sich die Gedanken im Kreis und die Gefühle fahren Achterbahn. Nur im Aufblicken zu Gott wird das Herz wieder ganz neu ausgerichtet, aufgerichtet. Ich kann geradlinig sein, standhaft bleiben… Und ich darf – durch das Aufsehen – aufsehenerregende Dinge mit ihm erleben, die Mut und Hoffnung in Gang setzen, sodass ich die Gewissheit habe: Am Ende nimmt alles einen guten Lauf!

Aufblühen dürfen

„Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ (Johannes 11,25-26)

 

 

Noch vor dem Osterfest brachte Katrin einen Tulpenstrauß vom Supermarkt mit. Sie platzierte ihn dekorativ auf dem Tisch, sodass wir uns immer wieder einmal daran erfreuen konnten.

   

Bereits zwei Tage später – am Karfreitag – wiesen zwei „Stängel“ jedoch kleine „Mängel“ auf. Sie ließen die Köpfe hängen und schienen, irgendwie geknickt zu sein. Meine Freundin tat es ihnen gleich – wegen des „Vor-falls“, was ich gut nachvollziehen konnte…

   

Kurz bevor ich mich zum Mittagsschlaf hinlegen wollte, fragte ich sie, ob sie von dem Strauß für mich noch ein Foto machen könnte. „Irgendwann kann ich das bestimmt einmal für eine kleine Geschichte verwenden!“, gab ich ihr zu verstehen.

   

Erdacht, gemacht!

   

Als ich mich ausgeruht hatte, kam ich wieder ins Wohnzimmer. Meine Freundin deutete auf die Blumen hin. „Guck mal…“, sagte sie schmunzelnd.

   

„Das gibt es ja gar nicht!“, staunte ich. „Habe ich irgendetwas verschlafen?“

   

Die beiden „Stängel“ waren zusehends dabei, sich wieder aufzurichten, damit sie doch noch aufblühen konnten!

   

„Wie kommt‘s?“, fragte ich nach.

  

„Es war so gut, dass du mich gebeten hast, ein Bild vom Strauß zu machen. So habe ich sofort gemerkt, dass die Blumen kein Wasser mehr hatten. Nun danken sie es uns, dass ich sie wieder versorgt habe!“, strahlte Katrin mit den Tulpen um die Wette.

 

~ ~ ~

 

Für mich wurde die Szene zu einem Bild: Wenn schon ein paar „Stängel“ ohne Wurzeln und festen Halt noch einmal zu neuem Leben erwachen können, indem wir ihnen Wasser geben — um wie viel mehr habe ich Grund, nicht die Hoffnung zu verlieren. Ich glaube doch an den Auferstandenen. Spätestens seit Ostern hat Jesus Christus mir ein festes Fundament und Wurzeln gegeben, durch die ich – selbst in den Durststrecken durch die Corona-Pandemie – einen grundlegenden Halt finde. Er möchte mich jeden Tag stärken, nähren und aufrichten. Wenn ich also hinfalle, wenn ich geknickt bin und den Kopf hängen lasse, kann ich – durch Gottes Kraft – unverblümt wieder aufstehen!

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

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    Katrin Weinert

    Danke, liebe Jana, für deine ermutigenden Corona- Gedanken.
    Ich möchte die „zwangsweise“ ruhige Zeit jetzt auch als ein Geschenk sehen, und sie nutzen, um mal innezuhalten
    und ganz bewusst aus dem Laufrad des Lebens auszusteigen.

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