Das Geschenk des Glücks

Das Geschenk des Glücks

Mein Telefon läutete. Als ich heranging, hörte ich die Stimme meiner Freundin Tina. „Hast du Zeit?“, fragte sie fast flehend. „Marie, Liane und ich wollten eigentlich joggen. Aber nun hat uns der Regen überrascht. Wir sind pudelnass… Können wir uns ein bisschen bei dir aufwärmen?“

   „Na klar…“, gab ich zurück. „Ich freue mich, wenn ihr kommt!“

   „…dann sind wir in fünf Minuten bei dir.“

  Kaum hatte ich ein wenig Gebäck auf den Wohnzimmertisch gestellt, da waren die drei auch schon da. Ich versorgte sie mit warmen Decken, bevor sie es sich auf meiner Couch bequem machten und sich anscheinend pudelwohl fühlten. „Mmh, Kekse…“, bemerkte Liane mit vollem Mund, nachdem sie sich eingemummelt hatte. „Kekse machen mich glücklich…“, ergänzte sie, wobei sie sich als kleines Krümelmonster entpuppte.

   Alle griffen in die Schale und ließen sich die süßen Sachen und den wohltuenden Kaffee munden, den Tina inzwischen gekocht hatte. „Kekse machen dich also glücklich!“, wiederholte ich nachdenklich. „Und – was ist für euch Glück?“, fragte ich meine anderen beiden Gäste.

   „Moment einmal…“, wandte Liane ein. „Natürlich ist das nicht alles… Für mich setzt sich das große Glück aus den vielen kleinen Dingen zusammen: dem Lächeln meines Kindes, einem Blumenstrauß, dem guten Buch am Abend, einem Kuss meines Mannes, einer kuschelig warmen Decke nach einem Regenguss oder den Keksen auf dem Tisch einer meiner besten Freundinnen…“, zählte sie auf.

   „Nach meiner Krebserkrankung weiß ich, wie kostbar die Gesundheit ist!“, gestand Marie. „Wenn ich morgens aufwache und weiß: Allen meinen Lieben geht es gut – das ist für mich das größte Glück.“

   Während meine Freundin das sagte, hörte ich auf einmal nur noch mit einem Ohr hin, was Tina zu dem Thema einfiel. Ich bekam bloß mit, wie sie das Sprichwort erwähnte: „Glück und Glas, wie leicht bricht das…“ Denn mit dem anderen Ohr hörte ich in mich hinein. Sofort analysierte ich nämlich, was das Gegenteil von Glück war. Ich landete bei dem Un-glück – also bei Leid, bei Hiobsbotschaften, Misserfolgen, Schicksalsschlägen, beim Scheitern… Anschließend fragte ich mich, ob Glück wirklich nur das Ergebnis des Zusammentreffens von günstigen Umständen war. Mir schien das zu wenig zu sein, weil ich – als körperlich behinderter Mensch – dann niemals in den Genuss kommen könnte, glücklich zu werden. Und … eigentlich hatte ich mit dem Glück schon ganz oft in meinem Leben Bekanntschaft gemacht… 

   Ich war bereits tief in Gedanken versunken, als mir auffiel, dass in dem Wort Glück „lück“, „Lücke“ steckte. „Ja, vielleicht ist es genau das: Gelassenheit zur Lücke!“, dachte ich heimlich, still und leise. „Denn trotz manchem, was mir fehlt und das Leben schwer macht, kann ich Glücksgefühle empfinden. Gerade weil ich die Schattenseiten des Lebens kenne, weiß ich die Sonne zu schätzen… Außerdem gelingt es mir, gescheiter zu werden, wenn ich gescheitert bin… Aus noch so schlechten Aussichten darf ich demnach gute Einsichten gewinnen… Und – in meiner Schwäche wird Gottes Stärke sichtbar. Was ist das doch für ein Glück?!“

   Plötzlich riss mich eine Stimme aus meinen Überlegungen. „Und nun bist du dran, Jana… Was macht dich glücklich?“, wollte Marie von mir wissen. 

   Ich ließ meine Freundinnen an diesen Gedankengängen teilhaben. Und an jenem Nachmittag sprachen wir noch lange darüber, wie wir in dieser unvollkommenen Welt die „Gelassenheit zur Lücke“ einüben konnten, die das vollkommene Glück in sich verbarg. 

   Ein Beispiel hatte uns das Leben gerade selbst geboten: Durch einen Regenschauer durften wir jetzt – wie aus heiterem Himmel – gemeinsam eine sonnige Zeit bei mir zu Hause verbringen. Was hatten wir doch für ein Glück, uns mit dem Glück auseinandersetzen zu dürfen…

Autorinjanaschumacher

Ich bin Baujahr 1970 und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; und ich liebe das Mehr, das Jesus Christus mir mehr und mehr ins Herz gibt: Himmel im Herzen!
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