Das Buch der Dankbarkeit

Das Buch der Dankbarkeit

Seit Jahren lebte eine „sicht-weise“ Frau in einem Heim. Sie konnte sich nicht allein versorgen und war auf die ständige Hilfe anderer Menschen angewiesen. Doch nun wurde ein Platz in dem Seniorenstift frei, dass ganz in der Nähe ihrer Kinder lag.

 

Noch bevor die alte Dame dort einzog, wollte die eigene Tochter ihr Prospekte von dem neuen Domizil zeigen. Doch die Mutter hatte kein Interesse daran und sagte mit Gewissheit in der Stimme: „Kind, ich habe mich hier sehr wohl gefühlt – so wird es mir auch dort gefallen!“

 

Die Tochter war verblüfft. „Wie kannst du dir da so sicher sein? Klar, wir sind in der Nähe… Und wir werden dich so oft wie möglich besuchen kommen; das ist ein Pluspunkt. Aber – wieso bist du so überzeugt davon, dass das neue Heim schön ist?“, wollte sie neugierig von ihr wissen.

 

Die alte Frau ergriff zärtlich die Hand ihrer Tochter. Sie holte tief Luft und erklärte ihr dann: „Weißt du, mein Kind, ob mir mein Zuhause gefällt, hängt doch nicht von der Lage oder der Innenausstattung ab, sondern von meiner Einstellung, von meiner Sichtweise. Schon vor langer Zeit habe ich die Entscheidung getroffen, glücklich zu sein. Und das habe ich niemals bereut!“

 

Die Tochter horchte auf. „Geht das denn? Kann man immer glücklich und zufrieden sein?“ Sie schaute auf den Rollstuhl ihrer Mutter und runzelte die Stirn.

 

Die alte Frau erklärte nun: „Jeden Morgen, wenn ich die Augen aufmache, habe ich die Wahl, positiv oder negativ auf die Umstände zu sehen. Ich kann motzen, meckern, mosern, dass ich dies und jenes nicht mehr allein schaffe. Aber damit würde ich mir das Leben nur selber schwermachen. Oder – ich kann wiederum meine Aufmerksamkeit auf das richten, was mir noch möglich ist, was ich an Gutem erlebe, wofür ich dankbar sein kann.“ 

 

Nachdem die Dame das gesagt hatte, löste sie die Bremsen ihres Rollstuhls und fuhr zu ihrem Nachtschrank, um aus der obersten Schublade einen großen, dicken Wälzer herauszuholen und ihn ihrer Tochter zu zeigen. „Das ist mein Dankbarkeitsbuch…“, vertraute sie ihr an. „Seit vielen Jahren schreibe ich hier alles hinein, was mich glücklich macht. Die schönsten Erlebnisse habe ich hier festgehalten … alles, was mir Freude gebracht hat. Schau mal…“, forderte sie sie heraus, während sie den Schatz behutsam durchblätterte. „Hier sind so viele wunderbare Kapitel meines Lebens vermerkt: Wie ich deinen Vater kennengelernt habe … der erste Kuss … sein Heiratsantrag… Und hier – diesen Seiten habe ich den Titel ‚Meine geliebten Kinder‘ gegeben. Oh, ihr habt mich so oft zum Schmunzeln gebracht – mit eurer niedlichen Art… Was ich mit Freunden erlebt habe – darüber hätte ich Bände schreiben können… Erfolge auf der Arbeit, stehen … da … auf einem anderen Blatt. Die vielen großen Kleinigkeiten des Alltags, die überhaupt nicht selbstverständlich waren – ich habe ganz viel notiert … für schlechte Zeiten. Diese Zeilen haben mir so oft Kraft gegeben, wenn irgendetwas passierte…“ 

 

Die Frau schloss das Buch und schlussfolgerte: „Ich durfte immer wieder erfahren, wie glücklich es mich macht, wenn ich das Gute im Blick behalte. Auch in dem anderen Heim werde ich bestimmt so manches entdecken, was ich schwarz auf weiß zu Papier bringen kann. Darum bin ich schon gespannt, wer und was mich dort erwartet…“, sagte sie mit leuchtenden Augen.

 

Wenige Wochen später war es dann soweit: Der Umzug stand ins Haus, bei dem die Töchter, Schwiegersöhne und Enkelkinder kräftig anpackten. Und das erste, was „die Sicht-Weise“ in der neuen Heimat in ihrem Dankbarkeitsbuch schriftlich festhielt, war: „Ich bin reicher als jemals zuvor!“

Jana Schumacher

Ich bin Jana Schumacher und lebe in Rostock - an der Ostsee... Ich liebe das Meer; und ich liebe das Mehr, das Jesus Christus mir mehr und mehr ins Herz gibt: Himmel im Herzen!