Meisterwerke: die Werke des Meisters

Susanne war mit ihrem sechsjährigen Sohn einkaufen. Auf dem Weg nach Hause war der kleine Tim richtig fröhlich. Er freute sich schon darauf, einen von den vielen Schokoküssen zu verputzen, die er sich ausgesucht hatte. Vergnügt hüpfte er seiner Mama voraus, wobei er den Beutel mit den Lebensmitteln immer hin- und herschwang. 

   

„Sei vorsichtig! “, wurde er ermahnt. „Du trägst Sachen, die kaputtgehen können!“

   

Doch Tim hörte nicht. Und so kam es, wie es kommen musste: Die Packung mit den Schokoküssen war daheim total lädiert. Tränen kullerten über sein Gesicht. „Die will ich nicht mehr!“, betonte er. 

   

Nachdem Susanne alle Lebensmittel verstaut hatte, nahm sie Tims Mitbringsel. Sie bückte sich zu ihm herunter, öffnete vorsichtig die Packung und biss in einen Schokokuss hinein, an dem jetzt ein Stück von einem Artgenossen klebte. „Mmh…“, versuchte sie, Tim zu locken, um auch zuzugreifen. Dabei hielt sie ihm die Schachtel vor die Nase.

   

Tim schüttelte allerdings vehement den Kopf. „Kannst alle allein essen oder wegschmeißen…“, machte er seiner Mama trotzig klar.

   

Susanne sah den Sprössling nachdenklich an. Und dann fragte sie ihn: „Was ist mit deinem Freund Karl? Würdest du ihn auch links liegen lassen, wenn er eine Brille tragen müsste?  Liebst du deine Tante Marianne nicht auch, obwohl sie in einem Rollstuhl sitzt? Und … was ist mit deinem Cousin Luis? Gehört er auch in den Müll, weil er eine Zahnspange trägt?“

   

„Was hat das damit denn zu tun?“, meinte Tim genervt. „Können wir noch einmal in den Supermarkt gehen…?“

    

Geduldig suchte Susanne jetzt einen anderen Schokokuss heraus, an dem eine Ecke fehlte. Sie bot ihn ihrem Kind an. Und nachdem es nörgelnd abgelehnt hatte, nahm sie diesen auch zu sich. „Mmh…“, schmatzte sie bewusst wieder, während sie am Kauen war.

   

„Die sind nicht mehr schön! Holen wir neue?“

   

Wieder redete Susanne auf ihren Sohn ein. „Lehnst du Onkel Dieter denn ab, nur weil er bereits seine Haare verloren hat? Magst du Opa Ernst nicht mehr, weil er schwerhörig ist? Und – was ist mit dir, mein Schatz: Momentan fehlen dir ein paar Zähne, aber für mich bist du trotzdem toll! Es kommt doch gar nicht so sehr auf das Äußerliche an, sondern auf den Inhalt!“ Sie hielt kurz inne und sprach dann weiter: „Die Schokoküsse hier sehen vielleicht ziemlich mitgenommen aus, aber der Inhalt ist überall gleich – und lecker…“

   

Allmählich verstand Tim, was seine Mutter ihm sagen wollte. Zögernd schaute er in die Schachtel. Dann nahm er vorsichtig einen zerdrückten Schokokuss. Er guckte ihn noch ein bisschen misstrauisch an, aber dann ließ sich den Leckerbissen genüsslich munden.

   

Sie und ich – jeder von uns ist ein Kunstwerk, ein Wunderwerk, ein Meisterwerk … ein Werk des Meisters: Gott. Und dabei spielt es gar keine Rolle, ob irgendetwas an uns zu viel klebt. Ein Rollator, ein Herzschrittmacher, eine Zahnspange oder auch ein Extrachromosom kann unsere Würde nicht schmälern. Aber auch das, was uns vielleicht fehlt, macht uns nicht bedeutungsloser: eine Niere, der Verlust des Augenlichts, ein Finger, die Verminderung der körperlichen Kraft… Was es auch immer sein mag: Wir haben einen Wert, den uns nichts und niemand rauben kann, weil es auf die Füllung ankommt! Ob wir es also wahrhaben wollen oder nicht: Von Natur aus haben wir alle ein Stück von Gott in uns. Gott hat die Ewigkeit in unsere Herzen gelegt. Deshalb fragen wir uns auch von Zeit zu Zeit: „Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was ist meines Lebens Sinn?“

   

Aber natürlich wünscht Gott sich, dass wir unser Herz für ihn öffnen, damit er uns mit seiner Liebe und Kraft erfüllen kann. Außerdem möchte Jesus darin wohnen. Denn dann sind wir sogar der Tempel des Heiligen Geistes (nach 1. Korinther 6,19) – Gottes Tempel, auch wenn dieser schon ein bisschen marode aussehen sollte! Ist das nicht bemerkenswert?

Glück: Gelassenheit zur Lücke

Mein Telefon läutete. Als ich heranging, hörte ich die Stimme meiner Freundin Tina. „Hast du Zeit?“, fragte sie fast flehend. „Marie, Liane und ich wollten eigentlich joggen. Aber nun hat uns der Regen überrascht. Wir sind pudelnass… Können wir uns ein bisschen bei dir aufwärmen?“

   

„Na klar…“, gab ich zurück. „Ich freue mich, wenn ihr kommt!“

   

„…dann sind wir in fünf Minuten bei dir.“

  

Kaum hatte ich ein wenig Gebäck auf den Wohnzimmertisch gestellt, da waren die drei auch schon da. Ich versorgte sie mit warmen Decken, bevor sie es sich auf meiner Couch bequem machten und sich anscheinend pudelwohl fühlten. „Mmh, Kekse…“, bemerkte Liane mit vollem Mund, nachdem sie sich eingemummelt hatte. „Kekse machen mich glücklich…“, ergänzte sie, wobei sie sich als kleines Krümelmonster entpuppte.

   

Alle griffen in die Schale und ließen sich die süßen Sachen und den wohltuenden Kaffee munden, den Tina inzwischen gekocht hatte. „Kekse machen dich also glücklich!“, wiederholte ich nachdenklich. „Und – was ist für euch Glück?“, fragte ich meine anderen beiden Gäste.

   

„Moment einmal…“, wandte Liane ein. „Natürlich ist das nicht alles… Für mich setzt sich das große Glück aus den vielen kleinen Dingen zusammen: dem Lächeln meines Kindes, einem Blumenstrauß, dem guten Buch am Abend, einem Kuss meines Mannes, einer kuschelig warmen Decke nach einem Regenguss oder den Keksen auf dem Tisch einer meiner besten Freundinnen…“, zählte sie auf.

   

„Nach meiner Krebserkrankung weiß ich, wie kostbar die Gesundheit ist!“, gestand Marie. „Wenn ich morgens aufwache und weiß: Allen meinen Lieben geht es gut – das ist für mich das größte Glück.“

   

Während meine Freundin das sagte, hörte ich auf einmal nur noch mit einem Ohr hin, was Tina zu dem Thema einfiel. Ich bekam bloß mit, wie sie das Sprichwort erwähnte: „Glück und Glas, wie leicht bricht das…“ Denn mit dem anderen Ohr hörte ich in mich hinein. Sofort analysierte ich nämlich, was das Gegenteil von Glück war. Ich landete bei dem Un-glück – also bei Leid, bei Hiobsbotschaften, Misserfolgen, Schicksalsschlägen, beim Scheitern… Anschließend fragte ich mich, ob Glück wirklich nur das Ergebnis des Zusammentreffens von günstigen Umständen war. Mir schien das zu wenig zu sein, weil ich – als körperlich behinderter Mensch – dann niemals in den Genuss kommen könnte, glücklich zu werden. Und … eigentlich hatte ich mit dem Glück schon ganz oft in meinem Leben Bekanntschaft gemacht… 

   

Ich war bereits tief in Gedanken versunken, als mir auffiel, dass in dem Wort Glück „lück“, „Lücke“ steckte. „Ja, vielleicht ist es genau das: Gelassenheit zur Lücke!“, dachte ich heimlich, still und leise. „Denn trotz manchem, was mir fehlt und das Leben schwer macht, kann ich Glücksgefühle empfinden. Gerade weil ich die Schattenseiten des Lebens kenne, weiß ich die Sonne zu schätzen… Außerdem gelingt es mir, gescheiter zu werden, wenn ich gescheitert bin… Aus noch so schlechten Aussichten darf ich demnach gute Einsichten gewinnen… Und – in meiner Schwäche wird Gottes Stärke sichtbar. Was ist das doch für ein Glück?!“

   

Plötzlich riss mich eine Stimme aus meinen Überlegungen. „Und nun bist du dran, Jana… Was macht dich glücklich?“, wollte Marie von mir wissen. 

   

Ich ließ meine Freundinnen an diesen Gedankengängen teilhaben. Und an jenem Nachmittag sprachen wir noch lange darüber, wie wir in dieser unvollkommenen Welt die „Gelassenheit zur Lücke“ einüben konnten, die das vollkommene Glück in sich verbarg. 

 

Ein Beispiel hatte uns das Leben gerade selbst geboten: Durch einen Regenschauer durften wir jetzt – wie aus heiterem Himmel – gemeinsam eine sonnige Zeit bei mir zu Hause verbringen. Was hatten wir doch für ein Glück, uns mit dem Glück auseinandersetzen zu dürfen…

Aufblühen dürfen

Noch vor dem Osterfest brachte meine Freundin einen Tulpenstrauß vom Supermarkt mit. Sie platzierte ihn dekorativ auf dem Tisch, sodass wir uns immer wieder einmal daran erfreuen konnten.

   

Bereits zwei Tage später – am Karfreitag – wiesen zwei „Stängel“ jedoch kleine „Mängel“ auf. Sie ließen die Köpfe hängen und schienen, irgendwie geknickt zu sein. Meine Freundin tat es ihnen gleich – wegen des „Vor-falls“, was ich gut nachvollziehen konnte…

   

Kurz bevor ich mich zum Mittagsschlaf hinlegen wollte, fragte ich sie, ob sie von dem Strauß für mich noch ein Foto machen könnte. „Irgendwann kann ich das bestimmt einmal für eine kleine Geschichte verwenden!“, gab ich ihr zu verstehen.

   

Erdacht, gemacht!

   

Als ich mich ausgeruht hatte, kam ich wieder ins Wohnzimmer. Meine Freundin deutete auf die Blumen hin. „Guck mal…“, sagte sie schmunzelnd.

   

„Das gibt es ja gar nicht!“, staunte ich. „Habe ich irgendetwas verschlafen?“

   

Die beiden „Stängel“ waren zusehends dabei, sich wieder aufzurichten, damit sie doch noch aufblühen konnten!

   

„Wie kommt‘s?“, fragte ich nach.

  

„Wie gut, dass du mich gebeten hast, ein Bild vom Strauß zu machen. So habe ich sofort gemerkt, dass die Blumen kein Wasser mehr hatten. Nun danken sie‘s uns, dass ich sie wieder versorgt habe!“, strahlte meine Freundin mit den Tulpen um die Wette.

 

Für mich wurde die Szene zu einem Bild: Wenn schon ein paar „Stängel“ ohne Wurzeln und festen Halt noch einmal zu neuem Leben erwachen können, indem wir ihnen Wasser geben — um wie viel mehr habe ich Grund, nicht die Hoffnung zu verlieren. Ich glaube doch an „die Auferstehung und das Leben“. Spätestens seit Ostern hat Jesus Christus mir ein festes Fundament gegeben. Er möchte mich jeden Tag stärken, nähren, aufrichten, sodass ich aufstehen kann, wenn ich hingefallen oder geknickt bin. Und – das habe ich ja auch schon unzählige Male erlebt, weil er lebt!

Das Ende nach dem Anfang

Irmgard war immer noch todunglücklich. Seitdem ihr Mann vor vier Monaten gestorben war, spürte sie kein Leben mehr in sich. Mit ihm hatte sie auch ihre ganze Hoffnung und ihren Mut begraben.

   

Täglich ging Irmgard auf den Friedhof. Sie zündete immer wieder neue Kerzen an, wobei ihr die Tränen über das Gesicht liefen, weil es in ihr so dunkel war.

   

Auch an jenem Samstag im Oktober war sie hier. Und – wie jedes Mal machte sie sich irgendwann wieder auf den Heimweg. Schweren Schrittes kam sie nur langsam voran. Ihr Blick war – wie immer – gesenkt. Vor einer Ruhestätte, an der sie jeden Tag vorbeikam, sah sie heute etwas Merkwürdiges liegen. Es war klein und schwarz. Verloren sah es aus. Irmgard schaute sich verstohlen um. Dann bückte sie sich und entdeckte eine Brieftasche. Es war ihr unangenehm, einen Blick hineinzuwerfen. Sie sah ein paar Geldscheine, aber entscheidend war für sie, herauszubekommen, wem das kostbare Stück gehörte. Da der Personalausweis – Gott sei Dank – auch nicht fehlte, las sie, dass die Brieftasche einem Mann gehörte, der nur ein paar Straßen vom Friedhof entfernt wohnte. Und so entschied sie, diese sofort dort abzugeben.

   

Als Irmgard vor der Tür stand und geläutet hatte, öffnete ihr ein Mann im besten Alter. Er freute sich so sehr, dass das Verlorene wohlbehalten wieder zu seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgekehrt war und lud die ehrliche Finderin zu einer Tasse Kaffee ein.

   

Dann erzählte er seinem Gast, dass seine erste Ehe geschieden wurde und seine Verlobte nach nur wenigen Monaten des Kennenlernens an Krebs gestorben war. Die Kinder kamen nur selten bei ihm vorbei, und Freunde hatten sich – in der Trauer – von ihm zurückgezogen…

   

Irmgard wusste sich verstanden und gestand ihrem Gegenüber, dass sie sich auch allein fühlte, seitdem sie Witwe war.

   

An diesem Nachmittag stellten Irmgard und Erich fest, dass sie so vieles gemeinsam hatten: den Verlust ihrer Partner und auch die Hoffnungslosigkeit in der Einsamkeit… 

   

Sie verabredeten sich jetzt öfters und spazierten zusammen zum Friedhof. Dabei sprachen sie auch viel über das Erlebte, über ihre Enttäuschungen, über ihre Ängste. Das tat beiden offensichtlich gut, sodass sich die Leere allmählich mit Leben füllte. Im Laufe der Wochen kehrte eine neue Freude in ihre Herzen ein, und das Lachen kam auch zurück.   

  

Erich und Irmgard schmiedeten irgendwann Zukunftspläne. Sie suchten sich eine gemeinsame Wohnung, eine Kirchgemeinde, in der sie ihren Glauben vertiefen konnten – und sie heirateten mit über 50 Jahren. Als Trauspruch kam für sie nur ein Vers aus Jesaja 43 infrage: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ (Vers 19) Denn beide erlebten – nach dem Sterben ihrer Ehepartner – wie auch in ihnen so manches erstorben war. Aber Gott hatte ihnen gemeinsam einen neuen Lebensraum geschenkt – Raum, um wieder lieben und lachen zu können.

   

Als Zeichen für die Wunden und das Wunder schenkte Erich seiner Irmgard eine Yucca-Palme. Er erklärte ihr dazu: „Weißt du, wir beide sind wie ein Bäumchen, das an einer Stelle völlig gekappt wurde. Die Schicksalsschläge haben uns umgehauen. Und doch waren Wurzeln da, durch die Gott Neues wachsen lassen konnte.“

   

Irmgard freute sich über dieses Geschenk und die Präsenz von Erich. Beide hegten und pflegten das Pflänzchen genau so wie ihre Liebe – bis ins hohe Alter. Denn dass diese Liebe zueinander von Tag zu Tag gewachsen ist, kann ich bezeugen. Denn ich bin ihr Enkelkind!

 

 

 

(Im liebevollen Gedenken an Eurem 50. Hochzeitstag, den Ihr jetzt gefeiert hättet…)

In seiner Nähe die Weite finden

Auf Rügen, wo ich einmal im Jahr eine Woche Urlaub mache, gibt es ein idyllisches Plätzchen, das ich besonders liebe. Dort kann ich mich – in meinem Rollstuhl – auf eine kleine Anhöhe stellen und trotzdem ganz nahe am Wasser sein. Ich genieße es, den Horizont zu sehen und die Wellen rauschen zu hören. Die Weite des Meeres zeigt mir jedes Mal, dass Gott noch weit mehr zu bieten hat, als nur meine alltäglichen Sorgen, K(r)ämpfe und Schmerzen. Hier kann ich aufatmen, durchatmen.

   

Kaum stehe ich an diesem Ort, da habe ich auch schon meinen Lieblingsbibelvers vor Augen: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Psalm 31,9). Mir wird klar, wie frei ich in Gott sein darf. Denn der Vers zeigt bildlich: Nichts und niemand kann mir zu nahe treten. Über mir ist der Himmel, von dem aus Gott auf mich sieht. Und unter meinen Füßen beziehungsweise Rädern befindet sich fester Boden. 

   

Im Psalm 31 erzählt David von „Bedrängnissen der Seele“. Er deutet auf Feinde hin, die ihm zu schaffen machen, die ihm die Luft zum Atmen rauben, die ihn in die Enge treiben.

   

Kennen wir das nicht auch? Manchmal wird es eng – für uns. Wie oft müssen wir uns einschränken!? Der eine hat keine Arbeit und damit finanzielle Schwierigkeiten. Einem anderen wächst die Arbeit über den Kopf. Er findet kaum Zeit für die Familie. So mancher unter uns ist schon älter und kommt täglich an die Grenzen seiner Kraft. Nicht selten sind wir selbst unser größter Feind, weil wir uns ablehnen oder uns von eigenen Ängsten behindern lassen…

   

Trotz aller Nöte ist der „weite Raum“ für den Psalmisten ein Zufluchtsort. Schließlich gibt er dem Allmächtigen Raum, indem er vertraut, dass er jede Woge glätten kann und dass es – am Ende – stets einen Silberstreif am Horizont gibt. König David entscheidet sich, an das Gute, an den Guten zu glauben. Und das macht sein Herz weit. 

   

Auch wir können das immer wieder erleben – gerade in „Bedrängnissen“. Und das hat Gott mir nicht nur auf Rügen gezeigt: Wenn wir Seine Nähe suchen, werden wir das Weite finden! 

Der Schäfer als Schläfer?

„Was hat dein Gott denn gerade gemacht, als ich von meinem Chef vor vier Wochen einfach entlassen worden bin?“, hielt mir meine Freundin mitten im Gespräch ganz traurig und enttäuscht vor. „Er hat wohl geschlafen?“

   

„Vielleicht…“, foppte ich sie. „Gottes Sohn war auch nur ein Mensch!“, sagte ich, wobei ich an eine Geschichte aus der Bibel dachte. „Sei aufgeweckt und wecke ihn doch lautstark auf – wenn du das Gefühl hast, dass er schläft!“ 

   

„Wie soll denn das gehen?“, antwortete meine Freundin verdutzt.

   

„Na, mach‘ es so wie die Jünger – damals!“, schlug ich vor. „Eines Tages lässt Jesus sie auf die offene See rudern. Und – kaum hat das Boot vom Ufer abgelegt, da fängt auch schon ein raues Lüftchen an zu wehen. In Windeseile toben die Wellen. Und es gießt in Strömen. Ohne Zweifel geben die Seeleute ihr Bestes, um dem Unwetter zu trotzen und somit Boot und Leben zu retten. Aber bald steht ihnen das Wasser bis zum Hals. Sie geraten in panische Angst, jämmerlich ertrinken zu müssen. 

   

Und was macht Jesus? In jener so scheinbar ausweglosen Lage bleibt er ganz ruhig. Er schläft auf einem Kissen…! Doch – das muss ja nicht so bleiben. 

   

Wenn uns das Wasser bis zum Hals steht, wenn die Wellen um uns herum toben, wenn wir am Rudern sind und uns der Sturm der Realität kräftig ins Gesicht bläst, dann dürfen wir es den Seeleuten von damals gleichtun. Wir können Jesus wecken – mit den Worten: ‚Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?‘ (Markus 4,38) Vielleicht fühlen wir uns allein, aber er ist mitten unter uns. Er sitzt mit uns quasi im selben Boot.

  

Ich bin davon überzeugt, dass Jesus unsere, deine Hilferufe hört. Er wird aufstehen, um den Wind und die Wellen um dich herum zu beruhigen. Es mag sein, dass seine Rettung anders aussieht, als du dir das gedacht hast. Das heißt: Dein alter Arbeitgeber stellt dich vielleicht nicht wieder ein. Und dennoch will Gott dich auf Dauer nicht im Regen stehen lassen. Er wird für dich sorgen, mit dir neue Wege gehen…“

   

Meine Freundin nahm meinen Rat tatsächlich an; sie nahm Verbindung mit Jesus Christus auf, der ihre Gedanken dahin lenkte, die Kündigung als Chance zu sehen. Irgendwann war sie bereit, sich einen großen Traum zu verwirklichen und noch einmal zu studieren. Und – sie ging auch bei Jesus in die Schule. Sie lernte, dass der Schäfer kein Schläfer war und bekannte eines Tages mit mir zusammen: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“ (Psalm 121,2-4)

Wenn sich drei einig sind

Unglaublich: Nun war Markus ein halbes Jahrhundert alt. Ein großes Fest wurde für ihn ausgerichtet. Alle waren gekommen, um ihm zum 50. Geburtstag zu gratulieren: die Familie, Freunde und Bekannte.

   

Was keiner wusste, war, dass gleich drei Personen eine Rede vorbereitet hatten. Unabhängig voneinander wollten sie den Jubilar mit ein paar Sätzen würdigen, bevor das Büfett eröffnet und kräftig gefeiert wurde. 

   

Der Vater ergriff zuerst das Wort. „Ich bin so froh, dass es dich gibt…“, sagte er mit Tränen in den Augen. „Ich kenne dich nun schon dein Leben lang, habe deinen ersten Schrei gehört – mitgekriegt, wie du zur Schule gekommen bist. Das Radfahren habe ich dir beigebracht. Ich habe dir über den ersten Liebeskummer hinweggeholfen. Ja, und nun bist du ein gestandener Mann, der manche Herausforderung bezwungen hat. Du setzt dich für deine Mitmenschen ein und bist immer da, wenn man dich braucht. Ich bin so stolz auf dich! Hoch sollst du leben!“ Er erhob das Glas.

   

Aber bevor alle auf Markus’ Wohl anstoßen konnten, stand sein Sohn auf. „Tja, Vater, ich kenne dich bloß halb so lange wie Opa. Aber aus Erfahrung kann ich sagen, dass du der beste Vater bist, den man sich nur wünschen kann…“, improvisierte er. „Du hast mir das Radfahren beigebracht und meine Wunden verarztet, wenn ich hingefallen bin. Als ich lernte, Klavier zu spielen, hast du eine Engelsgeduld bewiesen. …und du warst immer für mich da, als mir die Mädels einen Korb gegeben haben. Noch heute kann ich dich Tag und Nacht anrufen, wenn ich einen Rat brauche. Wie gut, dass ich dich habe…! Hoch sollst du leben, Vater!“ Wieder wollten die Anwesenden auf ihn trinken…

   

„Moment mal…“, meinte der beste Freund. „Ich will auch noch etwas sagen, obwohl wir uns erst 13 Jahre kennen: Es war das Beste, was mir passieren konnte, als wir uns damals im Skiurlaub trafen und sofort merkten, dass die Chemie stimmt. Seitdem gingen wir durch dick und dünn. Über alles konnten wir reden. Du warst sogar in der schwersten Zeit meines Lebens für mich da, hast mich getröstet… Und dann haben wir vor acht Jahren gemeinsam die Kanzlei aufgemacht – eine gute Entscheidung. Das brachte Bewegung in unser Leben. Wir konnten inzwischen viele Menschen rechtlich vertreten, ihnen helfen. Und uns hat das schließlich auch geholfen… Markus, du bist der beste Freund, den ich finden konnte. Schön, dass es dich gibt. Hoch sollst du leben!“

   

Danach wurde nun wirklich das Glas erhoben und auf das Geburtstagskind ein „Prosit“ ausgesprochen. 

   

Übrigens: Ich war auch auf dieser Feier! Als ich mitbekam, wie drei Leute über eine Person aus unterschiedlichen Perspektiven sprachen, dachte ich: „Was für ein merk-würdiges Bild für Dreieinigkeit. Gott-Vater, Jesus Christus und der Heilige Geist zeigen auch jeweils eine Seite von Gott. Sie sind eins, sich einig – in allem! Es lohnt sich, Gott – mit seinen Facetten – zu vertrauen.“

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